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Was wäre wenn - P12 - (Oneshot)

Titel: Was wäre wenn
Autor: unverdorben
Rating: P12
Charaktere: Bill, Tom, Simone
Diclaimer: Man gehört sich selbst. Die Kirschen gehören mir.



Bill und Tom waren Zwillinge. Semi-identische Zwillinge. Entstanden waren sie aus einer Chimäre, einer Eizelle, die von zwei Spermien befruchtet worden war und sich in zwei Föten teilte, in einen männlichen und einen intersexuellen. Niemand bemerkte etwas.

Es bemerkte auch niemand etwas, als Bill und Tom an ihrem achtzehnten Geburtstag zum ersten Mal miteinander schliefen. Sie waren betrunken, sie hatten sich gern und natürlich benutzten sie kein Kondom, was sollte schon passieren. Keine Woche später pendelte Bill dauernd zwischen Kühlschrank und Toilette hin und her. Er war ständig hungrig, dauernd müde und seine Blase schien sich gegen ihn verschworen zu haben. „Du bist schwanger“, lachte Tom. Bill verpasste ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf und trollte sich ins Badezimmer.
Am Ende der Woche hatte Bill Schmierblutungen, Bauchschmerzen und Angst. David ließ einen Arzt kommen, der Bill zur Magendarmspiegelung schickte. Man fand nichts und verlegte ihn auf die Urologiestation der Uniklinik Hamburg und zog die Kollegen aus der Gynäkologie hinzu. Bill wurde so vielen Untersuchungen und Tests unterzogen, dass er sich zu befragen begann, ob er von seinen Unterleibsschmerzen oder seinem freien Willen kuriert werden sollte. Die Ärzte tuschelten in ihrem Fachchinesisch und wollten keine voreiligen Schlüsse ziehen.
Eine weitere Woche später waren sie sich sicher genug, um den Chefarzt an Bills Bett zu schicken und ihn einen Vortrag halten zu lassen, von dem Bill kaum etwas verstand.
„Und was heißt das jetzt?“, fragte er.
„Sie sind schwanger“, sagte der Arzt. Bill glaubte ihm kein Wort.

Auch Tom glaubte es nicht, David nicht, Georg und Gustav nicht, Simone, Gordon, Jörg – niemand. Die Ärzte seufzten, nannten es einen medizinische Sensation und erklärten, wie sie Bill als Hermaphroditen identifiziert hatten. Als schwangeren Hermaphroditen. Sie erklärten, dass Intersexualität weder für die moderne Gesellschaft noch für die moderne Medizin ein größeres Problem darstelle, dass Bill einen Abbruch in Anspruch nehmen könnte, wenn er es wünsche, und dass Tom, wie die Überprüfung seines gonosomalen Geschlechts ergeben habe, nicht nur phäno-, sondern auch genotypisch ein Mann sei.
„Wenigstens einer“, sagte Simones Nachbarin, als sie davon erfuhr. Simone beschloss, ihr von ihrem Baum keine Kirschen mehr zu bringen.

David machte ein Telefongespräch nach dem anderen und warf sein Handy an die Wand. Sein bestes Pferd war vom heterosexuellen Mädchenschwarm zum homosexuellen Monster geworden, Monsterbrut inklusive. Es war eine Katastrophe.
„Wer?“, fragte er und hoffte auf einen netten, jungen Mann, mit dem Bill eine glückliche Beziehung führen und der Bravo Interviews über ihr Familienglück geben konnte. Um was es jetzt ging, war Schadensbegrenzung.
Bill schüttelte den Kopf und verweigerte die Aussage. Tom zog den Kopf zwischen die Schultern, trat vor und sagte: „Ich.“ Er hatte noch nie gewusst, wann er besser den Mund zu halten hatte.
David tobte und betrank sich hemmungslos. Als er sich im Taxi nach Hause zu seiner Frau und seiner Tochter fahren ließ, dachte er über Selbstmord nach. Es durfte nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Niemals.

Es gelangte an die Öffentlichkeit. David feuerte das halbe Team und stellte keinen Ersatz ein. Veranstalter sagten ihm verbindlich zugesicherte Konzerte ab, er müsse „die besondere Situation“ verstehen. David warf das zweite Handy an die Wand und setzte den Rest seiner Angestellten an die Luft. Er brauchte keine Beleuchter, wenn es nichts mehr ins rechte Licht zu rücken gab.
Das Jugendamt ließ ihn vorladen. Man könne nicht abschätzen, wie lange das intime Verhältnis zwischen den Kaulitz-Brüdern schon bestehe, eventuell  sei es schon zu sexuellen Aktivitäten gekommen, als die besagten Geschwister noch minderjährig waren. Er sei quasi zu ihrer Aufsicht verpflichtet gewesen. Niemand wollte mehr Simones Kirschen haben.

Tom sagte „Nein“, als Stern, Spiegel und Bild um ein Interview baten. Er sagte „Nein“, als er in diverse Fernsehformate eingeladen wurde. Er sagte „Nein“, als er nach einer Nachricht für die Fans gefragt wurde.

Bill sagte nichts. Bill sagte nichts zu Tom, nichts zu David, nichts zu Simone, nichts zu dem Mitarbeiter der genetischen Familienberatung, nichts zu den Ärzten.

Tom akzeptierte es. David schrie und wurde von einer Krankenschwester des Raumes verwiesen. Simone weinte. Der Mitarbeiter der genetischen Familienberatung sprach von Erbhygiene und pränataler Diagnostik. Die Ärzte schickten Bill nach Hause, nachdem ein Paparazzi von einem Krankenwagen in der Zufahrt zur Notaufnahme angefahren worden war.

In Simones Haus war es so still wie vor der Geburt der Zwillinge. Bill schwieg weiter und aß Mohnschnecken. Tom durchsuchte das Internet nach Erbkrankheiten und entwickelte einen Hass auf das Wort „Eugenik“. Simone kochte Kirschmarmelade und räumte die Gläser in den Keller.

Ein Reporter schrieb in einem Leitartikel, dass Bill und Tom strafrechtlich verfolgt werden müssten. Gemäß §173 StGB sei der vaginale Beischlaf zwischen Geschwistern verboten. Tom weigerte sich, das Adjektiv zu berichtigen. Die Öffentlichkeit sprach von einer Gesetzeslücke. Von Handlungsbedarf. Auf jeden Fall von einem Skandal.
Es gab niemanden, der keine Meinung hatte. „So was war ja abzusehen, bei der Erziehung“, sagte die Nachbarin bei Johannes B. Kerner.

Bill verweigerte mit einem Kopfschütteln Fruchtwasseruntersuchung, Chorionzottenbiopsie und Schwangerschaftsabbruch. Tom schluckte und bemühte sich, ihn zu verstehen. Tom bemühte sich auch, es zu verstehen, als Georg und Gustav sich für ihre fehlenden Besuche entschuldigten und ihm mitteilten, dass sie bei Tokio Hotel ausstiegen. „Wir wollen da nicht mit rein gezogen werden, weißt du“, sagte Georg am Telefon und klang so enttäuscht von sich selbst, dass Tom ihm nicht einmal einen Vorwurf hätte machen können, wenn er die Kraft dazu gehabt hätte.
„Ist in Ordnung“, sagte Tom.
„Machs gut“, sagte Georg und legte auf.

Als sein Bauch wuchs und die ersten Ultraschallbilder gemacht wurden, auf denen etwas zu erkennen war, das tatsächlich aussah wie einer kleiner Mensch, erklärte Bill sich doch noch zu einer Amniozentese bereit. Zwei Wochen vor dem berechneten Geburtstermin waren die Fruchtwasserwerte so schlecht, dass das Baby per Kaiserschnitt geholt werden musste. Die Spitze von Bills Stern wurde gekappt, das Baby war ein Mädchen. Weder Bill noch Tom wussten, wie sie es nennen sollten. Bill war mit Brüten beschäftigt gewesen, Tom mit seiner Fassungslosigkeit, mit der er die ewige Liebe ihrer treuen Fans beobachtete. Eine Handvoll war übrig geblieben, ein kläglicher Haufen sensationsgeiler Freaks, dem es Spaß machte, für seine Unterstützung herumgeschubst zu werden.
„Was da abgeht, hat mit Tokio Hotel nichts zu tun“, hatte er im offiziellen Forum gelesen. Was da abging, das waren er und Bill. Ohne Management, ohne PR-Beauftragte, ohne Basecap und Smokey Eyes.
Tom stand vor dem Nichts. Bill war froh, den Parasit aus seinem Körper zu haben. Simone schlug „Felizitas“ vor. Das Glück. Die Zwillinge mochten es nicht.

Man prophezeite Felizitas eine leichte geistige Behinderung und Entwicklungsstörungen. Sie war klein, leicht und hatte trübe Augen. Als sie mit Bill nach Hause kam, ging Tom abends mit ihr im Garten spazieren, bis sie eine Lungenentzündung bekam. Er brachte sie zusammen mit Simone ins Krankenhaus, als sie nur noch ein wimmerndes Bündel war, und der Arzt tat sein Möglichstes und ließ sie sterben. Als Tom sich flüsternd bedankte, sah er ihn an, als habe er ihm ins Gesicht geschlagen.

Felizitas wurde anonym beigesetzt, um Grabschändungen vorzubeugen. Der Monsun war wie weggewaschen, Tokio Hotel  stand nur noch für das Inzestbaby. Von Georg und Gustav hörte und sah man nichts mehr, David veranstaltete dafür einen umso fulminanteren Abgang. Seine Freundin hatte Koffer und Tochter zusammengepackt und war aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ohne ihm Bescheid zu sagen oder auch nur einen Zettel zu hinterlassen, so dass er eines Abends in einem leeren Kinderzimmer stand, das nur vom Mondlicht erhellt wurde, das durch die hohen Fenster schien. David fiel vier Stockwerke tief und brach sich das Genick.

Es dauerte ein halbes Jahr, bis keine Paparazzi mehr in ihren Autos vor Simones Haus schliefen. Als der letzte verschwunden war, starb Bill an einer Alkoholvergiftung. Postnatale Depression, hieß es in der Klatschpresse, aber die Schlagzeile hielt nur eine Woche lang, die Lähmung der ehemaligen Fans nur eine Woche länger. Danach schnitt Tom sich seine Dreads ab und zog mit Simone in die USA. Er ließ sich Thomas rufen und verbesserte seine Englischkenntnisse soweit, dass er eine Stelle als Lagerist fand und die Dreizimmerwohnung bezahlen konnte, in deren Küche Simone Kirschen entsteinte.

Niemand bemerkte ihn, als er 2058 auf dem Flughafen Berlin-Schöneberg landete und sich eine Zeitung kaufte, während er auf die Gepäckausgabe wartete. „Entschuldigen Sie“, sagte er in holperndem Deutsch zu der Kioskverkäuferin, die in seinem Alter war, „sagt Ihnen Tokio Hotel etwas?“
Die Frau hob den Kopf zur Decke, überlegte einen Augenblick und meinte „Ach, Sie meinen die schwulen Brüder mit dem Kind?“, während sie sich auf das Wechselgeld konzentrierte.
„Wieso?“, fragte sie und wollte ihm die Münzen geben, aber er war nicht mehr da.
Tags: [genre] slash, [rating] p12, bill x tom
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