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"Gesundheit!" - P12 - (Oneshot)

Titel: "Gesundheit!"
Autor: unverdorben
Charaktere:
Bill
Rating: P12
...uhm, anything: ...denn etwas anderes ist bei Madame Tussaud´s kaum angebracht.
Disclaimer: Bill ist Bill ist Bill ist seins.








Raucher zu sein hat einen großen Vorteil: man hat immer ein Feuerzeug dabei. Und Feuerzeuge sind zu vielem zu gebrauchen. Man kann sich im Winter die erfrorenen Finger damit verbrennen, sich im Frühling je nach Präferenz bei anderen Rauchern oder Raucherinnen beliebt machen, im Sommer den Grill damit anwerfen und im Herbst, im Herbst kann damit Wachs schmelzen. Karamellfarbenes Wachs mit einem Anflug von Rosa und dem seltsamen Anschein, transparent zu sein.

Man kann nicht hindurch sehen, das weißt du. Das Wachs ist massiv. Und trotzdem, wenn du den Kopf zur Seite legst und die Augen zusammenkneifst, wird die wächserne Haut durchscheinend wie Wachspapier. Es ärgert dich. Du bist nicht durchsichtig, die Wachspuppe hat es also auch nicht zu sein. Und es ärgert dich noch viel mehr, dass du anscheinend der Einzige bist, dem es auffällt.

Alle anderen machen große, bewundernde Augen, nicken wie die Wackel-Dackel neben der umhäkelten Klopapierrolle im Autoheck, und geben langgezogene „Ahs“ und „Ohs“ von sich. Sie sagen Sachen wie „Sehr gelungen!“ und sehen dich dabei an, als hättest du sie gemacht, die Wachspuppe.

Du antwortest ihnen mit einem Lächeln und stempelst ihnen in Gedanken ein Arschloch auf die Stirn. Die Enthüllung ist noch keine Viertelstunde im Gange und der ganze Raum ist zum Bersten voll mit Arschgesichtern. Du siehst ihnen zu, wie sie sich fein moussierenden Champagner in den Anus kippen und  wartest. Irgendwann werden sie genug in ihren hohen Hacken herumgewatschelt sein und deinen Atem mit dem Giftanschlag, das sie Parfüm nennen, zum Stocken gebracht haben. Bis dahin lässt du dir beinahe bereitwillig die Hände von rauen Männerpranken zerquetschen und lächelst und lächelst.

Du fragst dich, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Paparazzi auf den Boden zu legen und von unten fotografieren zu lassen. Das wäre wahre Kunst und die Wahrheit obendrein. Eine Allegorie auf die Schönheit des 21. Jahrhunderts, mit edlem Tuch, verkümmerten Schwänzen und funkelnden Strassbrillianten in angesagtem Violett. Der besonders vorwitzige Künstler könnte den Gesamteindruck noch mit etwas mausgrauem Chinchilla und der verwelkten Möse einer Millionärsgattin verschärfen.

Du überlegst außerdem, was mit Dorian Gray passiert ist, der seine Seele dafür gegeben hat, dass sein Portrait an seiner Stelle altert und faltig und hässlich wird. Du hast das Buch vor gefühlten Urzeiten gelesen und kannst dich nicht mehr erinnern. Eigentlich ist es auch unwichtig. Die Puppe wird nicht für dich altern und das macht sie dir noch unsympathischer, als sie es sowieso schon ist.

„Man weiß gar nicht, wer von euch beiden schöner ist“, kichert ein schmolllippiges Mädchen in dein Ohr. Du kannst über so viel Dummheit nur die Augen verdrehen. Ihr seid eins, du und das Wachs, und bald seid ihr allein zu zweien. Und du lächelst sie an und sie kiekst und du gehst weiter, aber nicht ohne vorher mit einem Zwinkern sicher gestellt zu haben, dass sie noch vor dem Ende des Events mit ihrem Freund Schluss gemacht haben wird. Es macht dir Spaß, Beziehungen zerbrechen zu sehen. Noch mehr Spaß sogar, als die Mädchen auszulachen, die dein Bruder auf den Hotelflur schiebt.

In den U.S.A. heißen alle von Toms One Night Stands Amy, weil das der Name ist, den das blonde Mädchen in eurem ersten englischen Schulbuch hatte. Diese Ur-Amy hat euch das will-future beigebracht und mit einem gewissen Tim from York Händchen gehalten, bis euch ihre Prüderie zu langweilig geworden ist und ihr das Englisch Lernen auf das kleinstmögliche Minimum reduziert habt. Dementsprechend winzig ist auch Toms Speicherkapazität für englische Frauennamen geblieben, aber seinem Wortschatz ist sie durchaus angemessen. Erst gestern hast du ihm beigebracht, dass „cock“ nicht nur einen männlichen Hühnervogel bezeichnet, sondern auch den Fridolin zwischen seinen Beinen, und er ist sofort losgezogen, um seine neu erworbenen Sprachkenntnisse an einer Einheimischen zu erproben.

Gestern war überhaupt ein langweiliger Tag: Tom hat gefickt, Georg gekackt und Gustav daran gearbeitet, durch reine Willenskraft zu verschwinden. Sein körperlicher Anwesenheitsgrad ist inzwischen so gering, dass du auf dem Weg in den hinteren Teil des Busses jedes Mal seine Beine übersiehst, die sich prompt zurückmaterialisieren, sobald du an ihnen hängen bleibst, und dich auf die Schnauze fliegen lassen.

Gestern war langweilig und dir irgendwann schlecht von dem ganzen Chemieabfall, den du in dich hineingestopft hast. Heute ist dir schlecht von den zig überteuerten After Shaves und wenn du nicht wüsstest, worauf du wartest, wärst du schon längst vor Langweile gestorben. Deine eigenen Gedanken widern dich an und du würdest dir am liebsten einen Klostein ins Ohr stecken, damit dein Oberstübchen wenigstens oberflächlich wieder so zitronenfrisch wird wie früher.

Du hast keinen deiner Verwandten oder Freunde gefragt, was sie von der Puppe halten. Du willst es nicht wissen und du hast keine Lust, dir wieder mit der alten Leier die Ohren abkauen zu lassen. Abgehoben hast du schon vor Jahren, genauso wie du dein altes Leben in die Tonne getreten und deine Seele verkauft hast; es ist nicht nötig, dass man dich immer noch davor warnt. Du bist kein „crazy Frontmann“, du bist hundsgefährlich geistesgestört und du findest, es steht dir gut. Besser als der Puppe allemal.

„Herr Kaulitz?“, räuspert sich ein gewichtiger Champagnerschlürfer hinter dir. Er lädt dich auf einen Absacker in einen piekfeinen Edelschuppen ein, aber du lehnst lächelnd ab. Du hast es vor ein paar Monaten aufgegeben, geschäftliche Termine vorzuschützen, wenn du jemandem einen Korb verpasst. Tom eignet sich als Ausrede viel besser. Die Medien haben eure Zwillingsbeziehung inzwischen in so überirdische Sphären stilisiert, dass jeder sofort wissend nickt und sich für die Frechheit entschuldigt, deine für deinen Bruder bestimmte Zeit beansprucht haben zu wollen, wenn du behauptest, schon etwas mit Tom vorzuhaben. Scrubbs schauen, zum Beispiel, oder sich gegenseitig mit amerikanischen Chemiegummitieren bewerfen.

Bushido hast du erzählt, du würdest deinen Bruder oral befriedigen und er dich, weil du armer Kerl sonst keine Action bekommst. Als er dich mitleidig angegrinst hat, hast du ihm Toms Hühnervogel solange in allen Einzelheiten beschrieben, bis Bushido eine fotorealistische Zeichnung davon hätte anfertigen können und mit Pudding in der Hose geflüchtet ist, um eine rauchen zu gehen. Vielleicht wollte er auch Zigaretten holen, auf jeden Fall ist er nicht wieder gekommen.

Es kommt dir endlos lang vor, bis du den letzten Cocktail ausgeschlagen hast, und alle Arschgesichter, Paparazzi und Securities aus dem Raum verschwunden sind. Du willst mit dem Wachs allein sein und bekommst die Auszeit, auch wenn du länger darauf wartest musstest, als du es gewohnt bist.

Und jetzt, wo das Parkett leer ist und du das einzige atmende Wesen zwischen den weißen Wänden, ist das Wachs noch durchscheinender. Man hat dir erzählt, dass Marie Tussaud das Wachsbildnern während der Französischen Revolution gelernt hat. Weil die Köpfe der Hingerichteten, die auf Lanzen gespießt öffentlich zu Schau gestellt wurden, zu schnell verwest sind, als dass jeder Pariser sie in aller Ruhe hätte begaffen können, hat man sie durch wächserne Kopien ersetzt. Du würdest auch zu schnell verwesen und könntest dich niemals so gerade auf dem Podest halten wie die Puppe. Sie hat kein verderbliches Fleisch und keine Gallerte in den Augen, aber du – du hast ein Feuerzeug.</div></div></div>
Tags: [genre] gen, [rating] p12, bill only
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