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Glaube Liebe Hoffnung - P12 - (Oneshot)

Titel: Glaube Liebe Hoffnung
Autor: unverdorben
Charaktere: Bill, Tom
Rating: P12
Genre/ Warnungen: Romance
Zusammenfassung: Bill glaubt Gedichte zu schreiben, Tom hofft sie lesen zu dürfen und die Liebe hat wie immer eine Statistenrolle.
Disclaimer: Die Herren K. gehören sich selbst



Bill schreibt keine Gedichte. Bill geht mit Ideen schwanger. Sie fahren ihm wie der Heilige Geist in den Bauch und auf einmal sitzt er da und schreibt und schreibt. Er mag es nicht, wenn man ihm dabei über die Schulter schaut. Niemand mag es, mitten in den Geburtswehen beobachtet zu werden.

Manchmal produziert er schreckliche Missgeburten. Am schlimmsten war es, als er über Gottfried Benn gestolpert ist, und seine Gedichte nur noch von Fäkalien und Fotzen und Fäulnis gehandelt haben. Nicht, dass Benns Gedichte das nicht auch täten. Aber Benn ist nun mal ein Dichter und Bill nur ein Sänger. Bill schreibt seinem Alter entsprechend.

Wenn ein Gedicht fertig ist, starrt er eine Weile ins Leere, als befreie er sich von der Nachgeburt, trennt die Nabelschnur durch und schlägt sein Notizbuch zu. Er liest nicht, was er geschrieben hat. Nicht bevor wenigstens ein, zwei Jahre vergangen sind. Tut er es doch einmal und beobachtet man sein Gesicht dabei, bekommt man den Eindruck, er würde sich schämen. Vor sich selbst.

Ich habe ihn einmal gebeten, ein Gedicht für mich zu schreiben. Da waren wir dreizehn gewesen und er hatte seinem Schwarm den peinlichsten Liebesbrief geschrieben, den die Welt je gesehen hat. Genau genommen hat sie ihn gehört, denn sein Herzblatt hat den Brief ihren Freundinnen laut vorgelesen, und die haben dafür gesorgt, dass Bill sich einen ganzen Monat lang nicht in der Pausenhalle blicken lassen konnte.

„Ich kann dir kein Gedicht schreiben“, hat er da gesagt. Warum? Weil das nicht auf Kommando ginge. Ich habe nicht verstanden, was er gemeint hat, aber wenn er nicht wollte, dann wollte er eben nicht. Punkt.

Heute schreibt Bill wieder. Er kauert am Tourbusfenster, gegen das der Regen klatscht, als wolle er ihn schlagen, und kritzelt auf die Rückseite einer Setlist. Es muss ihn schwer erwischt haben, wenn er nicht einmal Zeit hatte, sein Buch zu holen.

Ich hole mir ein Glas Cola und setze mich ihm gegenüber. Er hat die Stirn in Falten gezogen und auf dem Rücken seiner rechten Hand treten die Adern deutlich hervor. Er sieht unglücklich aus, beinahe verzweifelt. Ich nehme einen Schluck, schiebe die Flüssigkeit mit der Zunge in meinem Mund herum und überlege, wann er das letzte Mal geschrieben hat. Es muss lange her sein.

Als ich schlucke, hebt er kurz den Kopf, streicht sich die Haare hinters Ohr und starrt durch mich hindurch. Bill denkt nicht, wenn er schreibt. Er schreibt.

Seine Schultern sind breiter geworden. Sie werden es die ganze Zeit, aber wenn man jemanden jeden Tag sieht, gibt es nur sehr wenige Augenblicke, in denen es einem auffällt. Bill ist ein Mann. Ich probiere den Satz im Kopf aus, laut, leise, mit dieser und mit jener Betonung. Bewege die Lippen. Er sperrt sich.

Tom ist ein Mann. Noch so eine unbegreifliche Wortkombination. Wie drei plus drei ist sechs und wenn es in den Taschenrechner eingibt, kommt doch fünf heraus.

Bill seufzt angestrengt. Ich halte ihm mein Glas hin, er greift danach ohne hinzusehen und trinkt es mit einem Zug leer. Die letzten Tropfen verteilt er mit der Zunge auf seinen trockenen Lippen, bevor er mir das Glas zurückgibt und eine Zeile durchstreicht. Ich bin zu faul, um die ganzen zwei Schritte zum Kühlschrank zu gehen und mir neue Cola zu holen. Stattdessen lege ich den Kopf auf die verschränkten Arme und beobachte meinen Bruder.

„Ihr seid echt zwei Scheißnarzissten“, feixt Georg, der plötzlich in den Essbereich trampelt und mir brutal auf die Schulter schlägt. Bei der nächsten Tankstelle werden er und Gustav wieder in ihren eigenen Bus umsteigen. Scheiß auf die guten, alten Zeiten.

Ich grunze zustimmend und pruste in Richtung der Dreadlock, die mir genau über die Augen fällt. Sie bewegt sich natürlich kein Stück. War ja klar. Wahrscheinlich ist das ein abgekartetes Spiel mit dem Haargummi, den ich heute Morgen nicht finden konnte. Bill wollte mir helfen und meine Haare mit einem seiner Armbänder bändigen. Schwarzes Leder mit Nieten drauf. Er muss der Rädelsführer des ganzen Komplotts sein. Überhaupt ist Bill ein echter Intrigant.

Außer er schreibt. Wenn er schreibt, ist er so friedlich wie jemand, der Kartenhäuser baut. Ein falscher Atemzug und die Mühe war umsonst. Es wäre leicht, ihn jetzt aus dem Konzept zu bringen. Ich müsste ihn nur anstupsen. Ich müsste nur meinen Zeigefinger auf sein angezogenes Knie legen. Ich müsste ihn nur einen Zentimeter über seinem Bein schweben lassen und er würde ausflippen. Bill ist sehr empfindlich.

„Kommt ihr heute Abend mit?“, fragte Georg und lässt sich neben Bill auf die Sitzbank fallen. Auf Bill besser gesagt, denn besonders breit ist sie nicht. „Ey, du Arsch“, knurrt Bill und klatscht die Set-List auf den Tisch.

„Hab ich deine künstlerischen Ergüsse gestört? Oh sorry“, grinst Georg und hebt entschuldigend beide Hände. Bill motzt weiter und tritt nach ihm, aber das bekomme ich nur aus dem Augenwinkel mit. Auf dem Blatt springt mir zwischen dem ganzen Geschmier ein Wort ins Auge. Mein Name. Ich will es gerade zu mir ziehen und lesen, als Bill danach greift, aufspringt und die nächstbeste Tür hinter sich zuknallt, in diesem Fall die Tür zur Lounge. Sie bleibt nicht zu, sondern federt wieder auf, und ich kann hören, wie er das Papier wütend zerknüllt.


***

Bill und ich spielen Stadt Land Fluss. Es ist langweilig, weil wir immer entweder das Gleiche haben oder beide gar nichts, aber die Playstation ist kaputt, auf Filme haben wir keinen Bock und unsere Notebooks liegen am anderen Ende des Busses. Man könnte meinen, dass wir uns in unserem Bus mehr bewegen würden als in unserem Loft. Immerhin gibt es hier keine gefühlten Jakobswege von A nach B zu marschieren. Aber denkste. Der klassische Kaulitz bewegt sich nur von seinem Bett in die Küche und umgekehrt, wenn er müde oder hungrig ist. Ein Laptop ist die Anstrengung nicht wert.

„Du bist“, gähnt Bill.

„A.“

Er stützt das Gesicht auf die linke Hand. „G“, sagt er, als ich bei G bin.

„Kannst du nicht wenigstens so tun, als würdest du irgendwann Stopp sagen?“

„Ich sag doch irgendwann Stopp.“

„Nein, du hast G gesagt. Und überhaupt sollst du nicht wissen, wo ich bin.“

Bill seufzt resigniert. „Wenn du so offensichtlich bist.“

„Bin ich nicht!“

„Bist du wohl!“

Wir starren uns an und beschließen, dass wir zu müde sind, um uns zu streiten.

„A“, sage ich.

„B“, sagt Bill. „Und Stopp.“

„Wie, Stopp?“

„Berlin, Brasilien, Breg, Bill, Biene.“

„Bill ist kein Beruf. Und es gilt nicht, wenn du es vorher schon hinschreibst.“

„Dohoch“, meint er gedehnt.

„Du hast gewonnen.“

„Das macht keinen Spaß“, jammert er, legt seinen Stift auf den Tisch und schnipst ihn über die Kante.

„Du machst keinen Spaß.“

Er funkelt mich böse an. „Seit wann muss ich dich unterhalten?“

„Ich hab dich auch lieb, Arschloch.“

Seine Hand greift ins Leere, als er mich am Kragen packen will. Als er zum zweiten Mal ausholt, bin ich nicht so schnell. Er zerrt mich auf den Boden und uns ist so langweilig, dass wir uns prügeln wie in der Grundschule. Der einzige Unterschied ist, dass Mama nicht kommt und uns trennt und wir von selbst aufhören müssen. Bill betastet vorsichtig sein Gesicht.

„Du hast da nichts“, knurre ich und bekomme Lust auf eine zweite Runde. Aber er rappelt sich auf und macht sich mit einem letzten verächtlichen Blick vom Acker.


***

„Du gibst dir keine Mühe mehr um mich.“

„Wir führen keine Beziehung, Bill.“

Bill schnaubt beleidigt. Er hat sich ans Fußende meines Bettes gepflanzt und sieht mich mit einem Blick an, der so anklagend ist, dass er ihn vor dem Spiegel geübt haben muss.

„Trotzdem könntest du mir mehr Mühe geben.“

Ich ziehe mir meine Kopfhörer über die Ohren und drehe die Lautstärke etwas höher als normalerweise. Bill ist seit einer Woche in dieser weinerlichen Laune und ich hab endgültig keinen Nerv mehr dafür.

„Wi- --sen --e-.“ Er sieht aus wie Karpfen, der nach Luft schnappt.

„Was“, frage ich betont genervt und zerre mir die Kopfhöher wieder herunter. Sammy rappt einfach in die Matratze weiter.

„Wir müssen reden“, wiederholt Bill leise.

„Bill, echt. Du gehst mir auf den Sack. Merkst du das nicht?“

Er starrt auf seine Hände.

„Würde es dir was ausmachen zu gehen?“, schiebe ich hinterher.

Bill steht auf und geht. Erst schabt seine Jeans über die Tagesdecke, dann seine Socken über den Teppich. Er schüttelt den Kopf wie Löwe, dessen Stolz mitnichten gebrochen ist. Als die Tür hinter ihm zufällt, tut es mir Leid. Ich schnappe mir die Kopfhörer, setzte sie auf und drehe die Lautstärke so hoch, dass es weh tut.


***

Bill schreibt nicht, er führt einen Krieg gegen sein Notizbuch. Der Kugelschreiber ist Kollateralschaden. Er sieht nicht auf, als ich die endlich reparierte Playstation einschalte, und zuckt nicht zurück, als ich mich nach den Spielen strecke und ihn dabei streife.

Seine Gegenwart irritiert mich. Das Kratzen und Krumeln von seinem Kugelschreiber, um genau zu sein. Es surrt wie eine Fliege um meinen Kopf und lenkt mich ständig ab, so dass ich an meinen Highscore nicht einmal ansatzweise herankomme.

Muss er ausgerechnet hier schreiben. Muss er ausgerechnet schreiben. Ich meine, wenn er wenigstens ein zweiter Benn wäre, von mir aus, aber so? Eigentlich schreiben doch nur möchtegerndepressive Emokinder Gedichte. Die und Mädchen und liebesvertrottelte Liebestrottel.

„Ich halte nichts von Gedichten“, kläre ich ihn höflich auf.

Es ist schwer zu erklären, aber manchmal tut Bill nicht nur so, als wäre nichts gewesen, sondern auch so, als würde er nicht so tun, dass er so tut, als wäre nichts gewesen.

„Ich halte nichts von Gedichten“, sage ich noch einmal. Langsamer und betonter. Ich sage extra nicht, was ich wirklich denke. Dass er mir damit gerade auf die Nerven geht. Dass es völlig sinnlos ist, Gedichte zu schreiben, die niemand liest. Dass er nie ein Dichter wird.

„Ich halte nichts von Gedichten.“

Bill reagiert nicht. Dabei will ich doch nur in Ruhe spielen.


***

Bill und ich spielen Stadt Land Fluss. Es ist langweilig, weil wir immer entweder das Gleiche haben oder beide gar nichts, aber ich kann keine Rennen gewinnen, wenn Bill schreibt, und Bill kann nicht schreiben, wenn ich Rennen fahre.

„Du bist“, sagt Bill.

„A.“

Er stützt das Gesicht auf die linke Hand und sieht aus dem Fenster. Es regnet schon wieder. Ich gehe das Alphabet zwei Mal durch.

„Du musst irgendwann Stopp sagen“, seufze ich.

„Stopp“, sagt er.

„T.“

Wir krakeln lustlos. Trier, Thailand, Themse, Torwart, Tiger.

“Ich hab ‚Tier’”, meint Bill.

„‚Tier’ ist kein… Tier.“

„Okay.“

Ich warte darauf, dass er mit ‚A’ anfängt, aber tut es nicht. Er drückt seine Nase an der Scheibe platt.

„Was schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“

„Davon hältst du nichts.“

Das Wetter ist wirklich beschissen. Der Himmel ist voll gestopft mit gewittergrauen Wolken und man kommt sich vor wie in einem Plattenbau mit zu niedriger Decke.


Tags: [genre] gen, [rating] p12, bill x tom
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