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Es gibt keine Ente - P6 - (Oneshot)

Titel: Es gibt keine Ente
Autor: unverdorben
Rating: P6
Warnungen/Genre: /
Zusammenfassung: Simones Welpen sind Vegetarier, Kasimir bekommt wenigstens ein bisschen Weihnachtsgebäck und Scotty fühlt sich trotz seines Labradordaseins wie der Pudel im Regen. Sowas ist doch kein Weihnachten!
Disclaimer: Die Familie K gehört sich selbst.






Kasimirs Tigerung war im Laufe der Jahre blasser geworden. Er hatte einen kahlen Fleck am linken Ohr bekommen, seine Schnurrhaare standen nicht mehr so ordentlich in Reih und Glied wie früher und wenn er sich setzte und seinen Schwanz um die Vorderpfoten rollte, hatte er gewisse Ähnlichkeiten mit einem pelzigen Knödel. Durchaus flauschig, aber auch recht speckig.
Aktuell knödelte Kasimir auf dem Teppich neben Bills Sessel, der haushoch gegen Tom beim Monopoly verlor und mit der schlafwandlerischen Trägheit aus dem Plätzchenteller neben dem Spielfeld naschte, die einem in Fleisch und Blut überging, wenn man die vorherige halbe Woche strategisch von der eigenen Mutter gemästet worden war als wäre man die Weihnachtsgans persönlich. Das heißt, Bill tat das, nicht der Sessel, aber das versteht sich eigentlich von selbst. Sessel haben nämlich keine Hände, mit denen sie solange ihr mageres Bündel Geldscheine durchblättern könnten, bis auch der letzte Zweifel am unausweichlichen Bankrott ausgeräumt wäre.

„Du hast das Hotel da nicht hingebaut. Du hast das einfach hingestellt, als ich nicht aufgepasst hab“, versuchte Bill sich herauszureden, aber Tom lächelte nur das Lächeln eines großen Bruders, der den Kleinen am Boden wusste.

„Du könntest mir die Schlossallee verkaufen.“
„Auf keinen Fall!“
„Dann hast du verloren.“
„Aber...“
„Schlossallee.“
„Nein.“
„Dann...“

Tom hatte verloren, das sah Scotty von seinem Beobachtungsposten links neben der Krippe halb unterm Weihnachtsbaum genau. Bill würde sich solange winden und sein weiches, schutzloses Bäuchlein zeigen, bis Tom gar nichts andres übrig blieb, als ihm eine andere Straße zu einem völlig überzogenen Preis abzukaufen, sich dankbar anstrahlen zu lassen, und Bill beim nächsten Zug in die nächste Finanzkrise zu stürzen. Das ganze Spiele wäre schon gestern vorbei gewesen, wenn Tom auch nur einmal auf seinem Recht bestanden hätte.

„Jetzt kriegst du auch ein Plätzchen!“, grinste Bill schließlichund hielt seinem Bruder erst die Seestraßenkarte und dann einen Zimtstern vors Gesicht. Dabei hatte Tom schon mehr als genug Plätzchen gehabt, fand Scotty. Mehr als er auf jeden Fall.

Überhaupt war Weihnachten nicht mehr das, was es einmal gewesen war, seit Simones Jungen nur noch alle Jubeljahre zu Hause einfielen. Früher hatte er so viele Plätzchen und Hundekuchen und Bratenecken zugesteckt bekommen, dass er sich gewünscht hatte, Hunde könnten kotzen. Jetzt waren es die Jungen, die von Simone voll gestopft wurden, und er selbst konnte froh sein, wenn sie nicht vergaß, ihm ein bisschen Chappi in den Napf zu kratzen. Das einzige Leckerli für ihn bestand in „romantischen Winterspaziergängen“, die darin bestanden, dass Simone Gordon rechts an den Arm und ihn links an die Leine nahm und sie solange durch eklig kalten Schnee jagte, bis Scotty jeden einzelnen seiner alten Knochen spüren konnte. Gordon bekam unterwegs manchmal wenigstens einen Glühwein, aber er durfte nicht einmal an der grässlichen Elfendekoration der Nachbarn das Bein heben. Ungerecht war das. Ungerecht und kein bisschen weihnachtlich.

Kasimir machte einen Buckel, gab ein entfernt maunzenähnliches Quäken von sich und sprang mit der Grazie eines Mehlsacks auf die Armlehne des Sessel, von wo aus er in Bills Schoß rollte und ihm die Puderzuckerreste von den Fingern schleckte. Bill maunzte auch, kraulte ihn hinter den Ohren und bot ihm eine halbe Butterglocke an, die sofort mit viel Bröselei auf Bills Pullover aufgeknuspert wurde.
„Und ich?“, grummelte Scotty und legte seinen Kopf von der rechten auf die linke Vorderpfote.
„Er wird doch krank“, grummelte Tom und erstickte damit Scottys Pläne im Keim, auf Toms Schoß zu springen und sich von ihm, sofern er ihn dabei nicht zerquetschte, ebenfalls mit Plätzchen füttern zu lassen.
„Ach was“, gurrte Bill und schob Kasimir ein Vanillekipferl zwischen die Zähne. Kasimir schnurrte laut.

Scottys Situation verbesserte sich nicht beim Abendessen. Es fing schon damit an, dass er gar nicht merkte, dass Zeit zum Essen war. Früher hatte ihn der verführerische Duft kross gebratener Ente Jahr für Jahr pünktlich unter den überladenen Esstisch gelockt, wo er sich nur gemütlich hatte hinlegen und darauf warten müssen, dass gleich vier Zwillingshände ihm einen Bissen nach dem anderen zusteckten. Diesmal verpasste er es beinahe, seinen Posten zu beziehen, bevor alle Stühle besetzt waren und er sich nicht mehr durchzwängen konnte, und selbst als seine Menschen alle saßen und mit dem lästigen Gläsergeklirre anfingen, dass ihnen anscheinend so unglaublich wichtig war, blieb der Entengeruch aus. Er konnte zwar Fett erschnuppern, aber kein Fleisch. Stattdessen zog der lasche Gestank von Gemüse unter den Tisch.

„Was ist denn da los?“, rief er gedämpft zu Kasimir, der wie immer auf der Anrichte saß und das ganze Treiben von oben beobachtete.
„Gemüse“, meinte Kasimir pikiert. „Die haben sich Krallen geholt, spießen das Zeug dran und machen Schnodder drauf. Und dann tunken sie es in einen Topf und warten.“
Scotty blinzelte verwirrt. Heute war Weinachten, hatten die das etwa vergessen?
„Und die Ente?“
„Es gibt keine Ente“, bestätigte Kasimir mürrisch seine schlimmste Vermutung.

Genau genommen gab es nicht nur keine Ente, es gab nicht einmal das Weihnachtswürstchen, dass Scotty unter glitzernden Kinderaugen traditionell vom Baum hatte beißen dürfen. Es gab Pralinen und Punsch und noch mehr Plätzchen für Simones übersättigte Welpen, den alljährlichen Tanz des Geschenkpapierreißens, Glucksgeräuschemachens und gegenseitigen freudigen Beleckens, Weihnachtslieder und eine entwürdigende Schleife mit goldglänzendem Rand, die Bill ihm mit so treuherzig glänzenden Augen umband, dass Scotty eine Ahnung davon bekam, warum er trotz seines miserablen Geschicks jedes Brettspiel gewann.
Kasimir thronte innerhalb kürzester Zeit in einem Palast aus Glanzpapier, den er sich gemütlich zurecht kratzte, und schaffte es tatsächlich Bills spontanem Verschleifungswahn zu entkommen, indem er kugelrunde Augen machte und sich zu Bills Entzücken wie ein Baby unter einem Streifen Glitzerfolie versteckte. Die Schleife – rosa-rot kariert mit Silberdraht – endete stattdessen in Toms Haaren, was Simone beinahe das Wasser in die Augen trieb. „Lass doch deinen Bruder mal in Ruhe“, sagte sie zu Bill. „Tu ihm doch einen Gefallen und lass die Schleife drin“, sagte zu Tom, griff zur Kamera und bescherte den beiden das tausendste vor Mutterglück triefende Erinnerungsfoto.
„Ihr seid so putzig! Das zeig ich meinen Schwiegertöchtern!“, kiekste sie den Vorschaudisplay an. „Mama“, jaulten die Jungen und Gordon lachte und warf ein Papierbällchen für Kasimir.

Von dem geselligen Beisammensein nach der Bescherung bekam Scotty nichts mehr mit. Er hatte sich verkehrt herum unter dem Baum zusammengerollt, sodass er die paar Nadeln am Stamm zählen konnte – es waren vierzehn – und schmollte. Sein Bauch knurrte außerdem, aber er hatte keine Lust, in die Küche zu gehen und sein Chappi hinunterzuwürgen. Heute war Weihnachten. Zumindest theoretisch. Zumindest für die anderen, die sich hinter seinem Rücken die Bäuche voll schlugen, lachten und einander halb tot knuddelten, während er hier liegen musste, allein, einsam, hungrig und verlassen. Zu allem Überfluss tropfte auch noch Wachs auf seine Schulter. Nächstenliebe? Von wegen. Weihnachten war dieses Jahr auf ganzer Linie vor die Hunde gegangen.

Als seine Menschen schließlich müde wurden und sich unter noch mehr Knuddelei und Betthupferl in ihre Betten verabschiedeten, blieb er beleidigt liegen. Soweit kam es noch, dass er sich von diesen Weihnachtsverderbern den Rücken knuffeln ließ, damit sie gut schlafen konnten. Sie sollten zu ihm kommen. Sie sollten sich entschuldigen und ihm noch schnell eine Ente braten, eine ganze Ente für ihn allein, und ihm diese juckende Schleife abnehmen und überhaupt!

Aber sie kamen nicht. Nicht einmal Kasimir kam, denn selbst sein Fellgefährte hatte ihn verraten und ließ sich pfotelnd von Bill in dessen Kinderzimmer tragen, wo er weich und warm die Nacht verbringen würde. Bauch an Bauch würden sie liegen, Plätzchen an Plätzchen, während ihm nur das dunkle Wohnzimmer blieb mit seinem durchgelegenen Körbchen. Missmutig trottete er zu seinem Schlafplatz und ließ sich hineinplumpsen, als es plötzlich unter seinem Hinterteil knirschte. Wunderbar, sogar sein Korb war an diesem Komplott beteiligt.
Er stand wieder auf und schob knurrend sein Kissen zur Seite. Da waren Plätzchen. Zimtsterne, Kipferl, Makronen, ein halber Lebkuchen, Betmännchen, Engelsaugen und zwei Printen, alle leicht angebissen und garniert von einem lädierten Würstchen, das gerade so aussah, als hätte es jemand mit Zähnen und Klauen direkt aus dem Kühlschrank gestohlen.

Tags: [genre] gen, [rating] p6, bill x tom, scotty x kasimir, simone x gordon
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