unverdorben (unverdorben) wrote in schwarze_hunde,
unverdorben
unverdorben
schwarze_hunde

Toy Boys - P18 - (Oneshot)

Titel: Toy Boys
Autor: unverdorben
Rating: P18
Warnungen/Genre: böse Wörter und Prügel ohne Wattebäusche
Zusammenfassung: Manchmal braucht man einen Mittelsmann, um an das zu kommen, was man haben möchte.
Disclaimer: Bushido und die Herren K gehören sich selbst.






„Dein Lipgloss steht dir“, raunt Anis in Bills Ohr.

„Du siehst wunderschön aus, heute.“

Und: „Weißt du eigentlich, was für sinnliche Lippen du hast?“

Bill schnaubt und wendet sich mit dem herablassenden Lächeln ab, das er immer dann auflegt, wenn er sich zwar über die Komplimente freute, nicht aber über den Charmeur, von dem sie kommen. Anis grinst in sich hinein, holt sich einen neuen Drink und rückt Bill erneut auf die Pelle: „Du solltest dich von hinten sehen können, Schönheit.“ Die Schönheit seufzt erst leicht und wenig später sehr genervt, als Anis sich gegen sie drängt und mit dem Zeigefinger über den schmalen Streifen nackter Haut zwischen Gürtel und T-Shirt fährt.

„Ey!“, belfert auf einmal eine Stimme hinter ihnen. Eine Augenbraue hochziehend drehen Bill und Anis sich um. Bill, weil ihm diese Mimik schon vor Jahren in Fleisch und Blut übergegangen ist; Anis, weil er es – nett ausgedrückt – sehr amüsant findet, Bills schwules Verhaltensrepertoire zu kopieren. Vor allem vor Tom. Vor allem, wenn Tom sich wutschnaubend vor ihm aufbaut und aussieht wie eine zähnefletschende Englische Bulldogge: hundsgefährlich und doch irgendwie niedlich.

„Ich tu deinem süßen, kleinen Bruder doch gar nichts“, flötet Anis und drückt seine Hand flach auf Bills Rücken. Bill windet sich katzengleich unter der Berührung weg und Toms Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.

„Nimm deine Dreckspfoten von ihm weg“, knurrt er. Anis lacht, hebt beide Hände und streift dabei rein zufällig Bills Arm.

„Ich sag das nur einmal“, knurrt Tom weiter und kommt näher. Bill weicht zur Seite aus, während Anis ruhig stehen bleibt und die Schultern strafft. Wenn die kleine Dogge sich mit einem ausgewachsenen Stier anlegen will, dann soll sie nur kommen und sich auf die Hörner nehmen lassen.

„Mach ich etwa wen eifersüchtig?“, fragt er unschuldig. „Wird da Billies Stecher sauer auf den Onkel Bubu? Oh nein, das wollt ich jetzt aber nicht, das hier einer weinen muss!“

Tom gibt nur ein gutturales Grollen von sich und verkürzt die Distanz zwischen ihnen auf einen halben Meter. Er ist größer als Anis, breitschultrig und seit seinem letzten Maledivenurlaub beinahe so braungebrannt wie er. Seine Dreadlocks riechen nach Zitrone. Ein echter Gangster.

„Lass den Affen, Tom“, würgt Bill seinen Bruder ab, bevor der Anis den symbolischen Handschuh ins Gesicht werfen kann, und nimmt einen Schluck von seinem Wodka Bull. Er leckt sich über die feuchten Lippen, lächelt Tom kaum merklich zu und lässt seinen Blick über die Tanzfläche schweifen. Toms Muskeln scheinen sich augenblicklich zu lockern.

„Wichser“, flucht Anis in Gedanken. Sündige Lippen, ja, die hat dieser Schönling definitiv, aber sein Sinn für Atmosphäre ist definitiv unter aller Sau.

„Siehst du, Billieschatz kommt allein zurecht. Ist doch schon ein großer Junge“, gurrt er und schickt ein Stoßgebet zum Himmel.

Gott beziehungsweise Tom enttäuscht ihn nicht. „Was geht dich sein Privatleben an, häh?!“, blafft er wie auf Kommando.

„Wer weiß, Kaulitz?“, grinst er dreckig zurück und Bill schnaubt wieder. Am liebsten würde Anis ihm einen gezielten Schlag auf den Hinterkopf verpasste. Aus, Bill! Platz!

Tom baut sich so nah vor ihm auf, dass er nicht nur sein Zitronenshampoo, sondern auch sein Aftershave, das Waschmittel seines kuschelweichen Nachthemds und den Alkohol in seinem Atem riechen kann. Dazu das unverkennbare Aroma von verdammt angepisstem Testosteron.

„Lass ihn in Ruhe.“

Jetzt ist es Anis, der schnaubt. Was für lahme Dissversuche sind das denn bitte? Lass ihn Ruhe, bitte, sonst überrede ich ihn, dir die Augenbrauen zu zupfen. Uh, er hat ja solche Angst.

„Sonst?“

„Sonst verabschiedest du dich besser jetzt schon mal von deinen Eiern, Ferchichi“, faucht Tom und Anis kneift die Augen zusammen. Dieser lächerliche Hundewelpe hat ihn nicht gerade angespuckt – feuchte Aussprache oder was?

„Ach“, räuspert er sich angewidert und zwickt Bill blitzschnell in die Seite. Bill gibt ein wenig damenhaftes Grunzen von sich, aber das hört er nicht. Er spürt nur, wie Tom ihn am Kragen packt und den Stoff so um seine Faust dreht, dass es ihm die Kehle zudrückt. Atmnot, Herzrasen, aber nur zwei Sekunden lang. „Alles okay?“, raunz ihm sein Bodyguard ins Ohr.

„Jaja“, antwortet er unwillig und wischt die Gorillapfoten von seinem Arm. Direkt vor ihm spielt sich exakt die gleiche Szene ab, nur dass in Toms Fall zwei zusätzliche Bodyguards und ein besorgter Bruder beteiligt sind.

„Ja, versteck dich nur“, schnauft Anis, als der größte der Tokio Hotel-Affen die Zwillinge vor seinen Blicken abschirmt. Sofort wird der Affe zur Seite geschoben und ein wutschnaubender Tom glitzert ihn an. „Raus“, keucht er. „Jetzt“, und pflügt sich einen Weg durch die Menge. Anis beeilt sich, ihm zu folgen, bevor die verschwitzten Körper der anderen Clubbesucher sich wieder wie das Rote Meer hinter ihm schließen. Aus den Augenwinkeln kann er erkennen, wie Bill nach dem Ärmel des größten Affen greift und den Kopf schüttelt. Der Affe stiert ihm mordlüstern nach, rührt sich aber nicht von der Stelle. Braver Bill. Fein gemacht.

Toms blütenweißes Long-T leuchtet ihm den Weg an der Bar vorbei, durch eine schmale Tür, die eigentlich nur für Personal gedacht ist, einen kalten Gang entlang, eine Treppe hinunter, noch einen kalten Gang entlang und hinaus in die noch kältere Mitternachtsluft. Sie stehen auf einer schmalen Plattform mit einem eisernen Geländer, von dem aus eine Feuerleiter in die Tiefe führt. Anis erster Gedanke ist „das gibt’s doch nur den USA“. Sein zweiter Gedanke scheint seinerseits nicht so viel zu denken, denn Anis hat die Tür noch gar nicht richtig hinter sich geschlossen, als Tom bereits herumwirbelt und ihn dagegen stößt. Anis´ Schulterblättern knacken.

„Ey, ruhig, Kumpel“, lacht er, aber Tom hört gar nicht erst hin. Er packt Anis an den Schultern, gräbt seine Fingernägel so tief ins Fleisch, dass der Ältere sie trotz ihrer Kürze durch den Stoff spüren kann, und wuchtet ihn ein zweites Mal gegen die schwere Sicherheitstür. Diesmal knallt Anis´ Hinterkopf mit einem dumpfen Klatschen gegen den Stahl und Tom grinst zufrieden. Er presst sich gegen die Brust des anderen, fühlt sein Herz gegen seines hämmern und beugt sich zu ihm, um ihm etwas in Ohr zu flüstern. Zumindest glaubt Anis das. Tatsächlich beißt Tom ihn so kräftig ins Ohrläppchen, dass er wie eine hysterische Mädchen quiekt.

„Ey, ruhig, Kumpel“, lacht Tom kehlig. Anis ist sich nicht sicher, ob die warme Nässe, die er an seinem Ohr spüren kann, nur von Toms Spucke stammt, oder auch von seinem eigenen Blut. „Bist du bald fertig mit dem Geknutsche?“, zischt er, als es zu viel wird. Nicht der Schmerz, nein, der war auszuhalten, aber er hat nicht unbedingt Lust, sich das Ohrläppchen komplett abbeißen zu lassen. Tom flucht etwas Unverständliches in seine Halsbeuge, wuchtet ihn zum dritten Mal gegen die Tür und tritt zurück. Mit dem Handrücken wischt er sich über den Mund, während Anis die Augen zukneift und sich von der Tür entfernt. Langsam bekommt er Kopfschmerzen vom ständigen Türenknallen. Sie umkreisen sich wie zwei streitlustige Kater auf der kleinen Plattform, geduckt, mit gesträubten Nackenhaaren und den anderen keine Sekunde aus den Augen lassend.

„Hat dir dein kleiner Vampir das beigebracht?“, fragt Anis leise und klopft sich in Gedanken auf die Schulter, als er sieht, wie Toms geballte Fäuste zucken.

„Wenn ja“, fährt er süßlich fort, „überleg ich mir das noch mal mit unserm Date, glaub ich. Besonders gut kann Billihasi dann ja nicht im Bett sein.“

Toms Atem geht in so schnellen, abgehackten Zügen, dass er ihn im Dunkeln erschießen könnte.

„Andrerseits, so wie er vorhin gelaunt war, gehört er dringend mal ordentlich durchgefickt, der Gute. Und da ich ja so ein großes Herz habe…“

„Ferchichi…“

„Oh, ich will doch nur nett sein. Nur ein bisschen Liebe schenken, weißt du, irgendwie, irgendwo, irgendwann.“ Er schnalzt mit der Zunge und zieht beide Augenbrauen nach oben. Toms Miene verfinstert sich immer mehr, je breiter er grinst. „Ich würd´ deinen herzallerliebsten Bruder sogar auf Rosenblätter betten, wenn’s ihm damit schneller kommt. Ja, schau nicht so, ich kann nichts für meine Schmuseader.“

Das Zittern in Toms Händen wird stärker. Er zieht seinen Kopf tiefer zwischen die Schultern, atmet noch lauter. Er steht kurz vorm Platzen und Anis genießt die Ruhe, während er den Ansatzpunkt für die letzte, entscheidende Stecknadel sucht.

„Ich wette, der Kleine reitet gern.“

Das eiserne Geländer bohrt sich mit solcher Heftigkeit in sein Kreuz, dass er im ersten Moment befürchtet, einfach in der Mitte durchzubrechen. Dann aber bekommt er Toms Shirt zu fassen, reißt blindlings daran und bäumt sich gegen sein Angreifer auf, als dieser, vom Geräusch reißender Nähte abgelenkt, einen Augenblick lang nicht aufpasst. Er ist wirklich Gentleman genug, um Tom nicht einfach das Knie zwischen die Beine zu rammen, sondern etwas höher zu zielen, und schwer atmend zu beobachten, wie Tom stöhnend in die Knie geht.

„Hattu Aua?“, speit er und fegt Tom mit einer einzigen, gezielten Handbewegung die affige Basecap vom Kopf, aber sie fällt nicht etwa auf das Gitter, sondern bleibt in Toms Pferdeschwanz stecken und steht wie ein deformierter Heiligenschein hinter seinem Kopf. Außer sich über die Dreistigkeit packt er die Kappe am Schirm und reißt sie Tom ganz herunter, natürlich nicht, ohne Tom dabei das Gefühl zu geben, er werde nach allen Regeln der Kunst skalpiert.

„Heul nicht rum“, quittiert Anis sein Wimmern, verpasst ihm einen Kinnhaken und schubst ihn von den Knien auf den Hosenboden. Tom hat nie auch nur an einer einzigen, jämmerlichen Straßenschlacht teilgenommen, nicht einmal zugeschaut hat er, und das merkt man nur zu deutlich. Es ist völlig egal, dass Anis weder eine Knarre noch sein Springmesser mit in den Club nehmen durfte. Würde er es ernst meinen, wäre Bill jetzt Einzelkind. Er packt Tom an den Haaren und zerrt ihm den Kopf in den Nacken, so dass er seinen Adamsapfel hüpfen sehen kann. Tom wimmert leise.

„Ich hab gesagt, du sollst das Maul halten“, fährt Anis ihn an und tritt dabei nach ihm. „Du hörst dich an wie dein Bruder, wenn er den Arsch gestopft kriegt.“

Den letzten Satz hätte er sich lieber gespart. Mit einem unterdrückten Schrei windet Tom seine Dreads aus Anis´s schwitzigen Fingern, zieht ihm die Füße weg und stürzt sich mit fliegenden Fäusten auf ihn, noch bevor er fertig mit Fallen ist. Anis wehrt sich nicht weniger skrupellos, bekommt aber Zweifel, ob Tom sich wirklich so wenig geprügelt hat, wie er dachte. Das Blut hämmert in seinen Schläfen und er verliert jedes Gefühl für unten und oben, links und rechts. Alles, was er spürt, sind Toms dreschende Fäuste, alles was er hört, ist Toms Schnauben. Alles, was er riecht, ist Toms Schweiß, und er sieht nichts außer dem gelegentlichen Glitzern in Toms Augen.

„Ich bring dich um, Ferchichi“, keucht Tom und Anis zweifelt nicht daran, dass er es ernst meint. Er gibt sich keine Mühe, seinen Körper vor Toms Schlägen zu schützen, denn das Adrenalin rauscht in solchen Sturzbachen durch seine Adern, dass er sich vorkommt, als wäre er in Watte verpackt. Selbst die harten Streben des Eisengeländers, gegen das er mehrmals geschleudert wird, gegen das er Tom stößt, sooft er kann, scheinen nachzugeben wie Gummi und ihn mit einem freundlichen Klaps zurück in Tom Arme zu schubsen.

„Träum weiter, Kaulitz“, gibt er zwischen ringenden Atemzügen zurück und dann ist es auf einmal vorbei. Tom hängt mit mehr als dem halben Oberkörper über der Feuerleiter, Anis sitzt rittlings auf seinen Hüften. Keiner von beiden bewegt sich, alle beide atmen sie heftig, so dass ihnen die Luft in die Lungen schneidet. Toms Shirt ist beinahe bis zur Brust nach oben gerutscht. Über seinen Bauch zieht sich eine Gänsehaut. Die Muskeln darunter sind bretthart. Bretthart von seiner lodernden Wut auf den Wichser, der über seinem Schoß hockt und ihm die Beckenknochen schmerzhaft auseinanderdrückt, und bretthart von der Anstrengung, seinen Oberkörper in der Waagrechte zu halten und nicht in die bodenlose Tiefe darunter zu kippen.

„Unbequem, Kaulitz?“, fragt Anis salbungsvoll, als er Toms Bauchmuskulatur zittern sieht.

„Fick dich“, spuckt Tom zurück und windet seinen Kopf, als könne er sich so eine Unterlage aus dem Nichts zaubern.

„Bill, meinst du“, antwortet Anis freundlich. Tom heult wütend auf und versucht, nach Anis zu greifen, aber der nutzt die Gelegenheit nur, um seine Handgelenke zu packen und eisern festzuhalten. Auch wenn Tom kein Strohhalm im Wind mehr ist, Anis ist nach wie vor unbestritten stärker.

„Lass mich los“, faucht Tom. Anis lächelt milde. „So?“, fragt er, hebt seinen Hintern etwas an, so dass sein Gewicht nicht mehr auf Toms Mitte lastet und schiebt selbige durch etwas Druck auf Toms Handgelenke ein Stück weiter zum Rand. Toms Augen weiten sich vor Schreck. „Nicht, bitte“, stolpert es über seine Lippen, bevor er überhaupt registriert, dass er etwas sagt.

Anis setzt sich auf Toms Oberschenkel. „Okay, du bist der Boss.“

Tom verzieht den Mund, bleibt aber stumm. Vorhin, als zumindest seine Lendenwirbel noch festen Grund unter sich hatten, war diese Freiluftakrobatik noch einigermaßen zu ertragen, aber jetzt, da sein gesamter Oberkörper in der Luft hängt, kommt seine Position einem einzigen, nicht enden wollenden Sit-up gleich. Seine Bauchmuskeln brennen.

„Was willst du eigentlich?“, fragt er flachatmig.

Anis legt die Stirn in Falten. „Ich dachte, das hätte ich vor genügend Kameras kund getan.“

Tom lacht bitter. „Komm schon, du reißt immer nur das Maul auf. Sonst nichts.“

„Weil du jedes Mal antanzt und eure Bodyguards bittest, mir eins in die Fresse zu hauen.“

„Ich hab die nie gebeten.“

„Stimmt. Du wanzt jedes Mal an und schreist Zeter und Mordio wie ein Chihuahua auf Ecstasy, bis eure Bodyguards Angst kriegen, dass du dir selber ins Bein beißt.“ Anis führt Toms Hände weit auseinander und wieder zusammen. Tom ist zu sehr mit seinem Bauch beschäftigt, um sich dagegen zu stemmen. Die Muskelfasern reißen, jede einzelne. So fühlt es sich zumindest an.

„Bitte“, flucht er und beißt sich auf die Unterlippe.

„Bitte was?“, fragt Anis erstaunt.

Tom gestikuliert mit den Augen zwischen sich, Anis und der Tiefe hin und her.

„Oh, du hast Angst?“

„Es tut scheißweh, verdammt!“, schnauzt Tom und blinzelt. Anis muss nicht sehen, dass ihm die Schmerzen Tränen in die Augen treiben. Aber Anis sieht es. Doch anstatt sich groß an seiner Überlegenheit zu weiden, stemmt er sein Gewicht wieder ein paar Zentimeter in die Höhe und zerrt Tom zurück auf die Plattform.

„Scheiße, mann.“

„Das heißt „Danke, lieber Anis““, klärt Anis ihn auf und lässt den Hintern sinken, diesmal auf Toms Brust. Tom liegt wie hingegossen unter ihm, den Kopf auf der Seite, die Augen selig geschlossen. Wäre seine Unterlippe nicht aufgeplatzt und sein Piercing blutverkrustet, sähe er beinahe aus wie ein reichlich verfilzter Rauschgoldengel.

Anis tastet Toms Seite hinunter und in seine Hosentaschen. Er hat etwas Viereckiges gespürt, als er auf seinen Hüften gesessen ist und er hat richtig gespürt: Kippen. Und sogar ein Feuerzeug. Zufrieden angelt er beides hervor, klemmt sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zündet sie sich seufzend an. Als er das Feuerzeug schnappen hört, schlägt Tom die Augen auf.

„Ey“, beschwert er sich müde. Hat er überhaupt noch einen Knochen, der nicht weh tut?

„Hm?“, macht Anis unschuldig. Tom raucht Marlboro Reds mit Filter. Im Grunde hatte er nichts anderes erwartet, aber besonders der Filter amüsiert ihn dennoch.

Tom stiert zu ihm hoch, sagt aber kein Wort. Der mordlüsterne Glanz in seinen Augen ist verschwunden und er sieht eher aus wie ein fünfzehnjähriger Junge, der heimlich Filterzigaretten raucht, als wie die Bulldogge, die Anis eben noch an die Kehle wollte. Anis hält Tom die Kippe an die Lippen und beobachtet, wie dieser gierig daran zieht. Als er den Rauch gen Himmel bläst, lässt er die Augenlider zuflattern und testet verhalten stöhnend die Beweglichkeit seiner Glieder. Anis Sinne schnellen sofort auf Alarmbereitschaft, aber Tom macht keinen Anstalten, ihn abzuschütteln. Er scheint nicht einmal richtig wahrzunehmen, dass Anis auf seiner Brust thront wie ein Jäger auf einem frisch erlegten Wildschwein. Oder auf was Jäger im Allgemeinen eben so thronen. Bären oder so. Jagen ist nicht unbedingt Anis Spezialgebiet, schon allein wegen der albernen grünen Hütchens nicht.



Als die Zigarette nur noch ein glimmender Stummel ist, schnippt er sie übers Geländer und zündet sich ein zweite an. Toms Augen kleben an dem schlanken Stängel und er erbarmt sich und lässt ihn wieder ziehen. Er könnte Tom natürlich auch eine eigene Kippe geben, immerhin sind es seine Filterzigaretten, aber dazu traut er ihm nicht genug. Dass Tom seine Hände frei bewegen kann, ist schon mehr als ein Risiko. Er müsste nur einen Moment abpassen, indem Anis nicht hundertprozentig aufmerksam wäre, ihn an den Schultern packen und über seinen Kopf hinweg die Feuerleiter hinunterbefördern. Anis läuft bei der Vorstellung ein wohliger Schauer die Wirbelsäule hinunter. Tom, der kleine Filterraucher, denkt aber wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise so weit. Es ist enttäuschend, fast schon frustrierend. Überhaupt hatte Anis sich ihre kleine Auszeit ganz anders vorgestellt. Wie genau kann er nicht sagen, aber so viele blaue Flecken hatte er definitiv nicht erwartet. Dass er Tom mit Nikotin füttern würde, auch nicht. Und dass es um ein Uhr nachts draußen so kalt ist, darüber hat er sich erst recht keine Gedanken gemacht. Aber es ist kalt, sehr kalt sogar, und es wird immer kälter, je länger er so sitzt und raucht.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, meldet Tom sich plötzlich zu Wort.

„Hä?“

„Warum du Bill nicht endlich mal in Ruhe lässt.“

„Du willst jetzt echt Woody Allen spielen und die Scheiße ausdiskutieren?“ Er zieht an der verdammten Filterzigarette und bläst Tom den Rauch ins Gesicht. Kein Zug für ihn.

„Ich will dich nicht mehr in seiner Nähe sehen.“

Anis lacht trocken auf. „Was bist du, seine Anstandsdame?“

„Sein großer Bruder.“

„Oh wie süß. Und willst du mich jedes Mal verhauen, wenn ich deiner Schwester ein Kompliment mache.“

„Bill ist ein Mann, okay?“, blafft Tom. Seine Brust hüpft unter Anis Beinen.

„Sorry. Deinem männlichen Mannesbruder mit seinem ganzen Glitzerlipgloss, okay?“, äfft Anis ihn nach. Die Zigarettenschachtel fliegt in hohem Bogen von der Plattform, als er sich eine dritte Kippe anstecken will. Er war unaufmerksam, nur für einen Augenblick, und auch wenn Tom ihn jetzt nicht den Kippen hinterherschickt, hat er doch so weit gedacht, sich unter Anis aufzubäumen und ihn dorthin zu treten, wo kein echter Mann einen anderen Mann jemals treten sollte. Aber Tom, flucht Anis in Gedanken, als er die Beine zusammenpresst und sich bemüht aufzustehen, Tom ist kein Mann, sondern ein gottverdammtes Filterkind mit einem großen Aggressionsproblem. Wahrscheinlich hat seine Mama immer nur Bill Kakao und Kekse ins Kinderzimmer gebracht, während er aufpassen musste, dass Ken Bill nicht die Unschuld raubte.

Er hat sich kaum ganz aufgerichtet, als Tom ihn förmlich anspringt, und er kann sich gerade noch zur Seite werfen, um Toms Fäusten wenigstens teilweise zu entgehen. Anis hat an genug Bandenkämpfen teilgenommen, um zu wissen, wann man sich in einer Schlägerei Schwächen erlauben kann und wann nicht. Jetzt kann er es definitiv nicht, ganz egal ob es sich in seiner Hose anfühlt wie Rührei, ganz egal, ob es so kalt ist, dass seine Muskeln schmerzen anstatt bloß zu zittern.

Tom weiß ganz offensichtlich nicht, wann es genug ist, und wenn es an Anis ist, ihm diese Lektion zu erteilen, dann soll es eben so sein.

Das verwunderlichste ist, dass niemand kommt. Das unverkennbare Geräusch ihrer Prügelei hallt im ganzen Hinterhof von den Wänden wieder, die Stahltür dröhnt wie eine archaische Trommel, wenn ein Körper gegen sie geschleudert wird, und das Stahlgerüst, auf dem sie sich wälzen, sirrt und klingt, aber niemand reißt die Tür, niemand unterbricht sie.

Das ganze Stahlgerüst erzitterte, als Tom dagegen kracht. Anis kümmert sich nicht um Toms schmerzverzerrtes Gesicht, sondern drängt sich gegen seinen Gegner. Die Hände klammerte er links und rechts so fest ans Geländer, dass seine Knöchel weiß hervortreten. Tom sitzt in der Falle.

"....", zischt er Tom zu und macht die letzten Zentimeter zwischen ihnen zunichte. Toms Herz schlägt so schnell, als müsse es zwei Körper versorgen. Anis grient und wühlt seine Nase in die Wärme zwischen Toms Hals und seinen Haaren. Tom spürt ihn, das steht außer Frage. Entscheidend ist nur, wann er versteht.

Tags: [genre] slash, [rating] p18, tom x bushido
Subscribe
  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments