unverdorben (unverdorben) wrote in schwarze_hunde,
unverdorben
unverdorben
schwarze_hunde

  • Mood:
  • Music:

"In zweihundert Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht" - P12 - (Oneshot)

Titel: "In zweihundert Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht"
Autor: unverdorben
Rating: P12
Warnungen/Genre: ...Fluff?
Zusammenfassung: Die Liebeserklärung gehört ans Happy End. Weiß man. In Bills persönlicher Liebesgeschichte war sie allerdings schon von Anfang da und ob sein Happy End wirklich glücklich ist, weiß nicht einmal er selbst.
Disclaimer: Die Herren K gehören sich selbst.

Du fährst auf der Mitte der Landstraße, aber das macht nichts. Einen Leitstreifen gibt es nicht und das letzte Auto ist dir vor über einer halben Stunde entgegengekommen. Die Sonne hat sich hinter diesigem Herbstwetter versteckt, wahrscheinlich wird es bald regnen. aber auch das macht nichts. Du hast deinen mp3-Player vergessen und musst schlechtes Radioprogramm hören – egal. Laut dem Navigationsgerät bist du in exakt dreiundzwanzig Minuten an deinem Ziel und du fährst zu schnell, weil es dich förmlich vorwärts zieht. Und weil die Geschwindigkeit die Zweifel wegbläst, diese dummen Zweifel, die du immer hast. Dass sich etwas geändert haben könnte. Dass nichts mehr ist wie vorher. Dabei weißt du ganz genau, dass sich nichts ändert. Die ganze Welt fällt tagtäglich vornüber, aber zwischen euch bleibt alles beim Alten. Als hätte Gott euch allein mit einem Stand by-Button ausgestattet.

Neun Monate warst du von ihm getrennt. Neun Monate, zwei Tage, sieben Stunden und jetzt noch zwanzig Minuten. Wobei getrennt eigentlich das falsche Wort ist. Du hast ihn nicht gesehen. Gehört hast du ihn sehr wohl. Am Telefon, über Skype und per Voicemail. Ihr habt euch gegenseitig mit SMS überschüttet, einander Bilder von jedem noch so nichtigen Erlebnis geschickt, Mailboxen zugespamt und euch alles in allem trotz der paar tausend Kilometer mehr miteinander unterhalten als mit allen Personen vor Ort zusammen.

Neun Monate und nur noch neunzehn Minuten und du schaltest einen Gang runter, in der letzten Kurve hat es dich beinahe zu weit Richtung Straßengraben gezogen. Neunzehn Minuten. Du löst die Hände vom Lenkrad und klammerst dich erneut fest. Das Leder ist ganz klebrig von deinen feuchten Fingern. Im Radio spielen sie zur Abwechslung endlich einmal etwas, das man als Musik bezeichnen kann, und du nickst im Takt und leckst dir über die trockenen Lippen.

Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünzig, achtzehn Minuten. Und ein Baum da in der Biegung, verdammt. Du lachst dich selbst aus, als du das Lenkrad herumreißt. Wie ein Fahranfänger, der sich für den absoluten Pro hält, nur um eines schönen Morgens mit seinem 3er an einer Hauswand zu kleben. Vielleicht solltest du dich doch an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten. Tom wird dich umbringen, wenn du dich umbringst.

Du grinst in dich hinein, grinst bei sechszehn Minuten noch breiter, und nimmst das Fahren ab sofort ernst. Augen auf die Straße, Wagen auf die rechte Spur, Schalten statt Bremsen. Außerdem solltest du die Sonnenblende runterklappen, so tief, wie die Sonne inzwischen steht. Wenn sie zwischen den Wolken hervorkommt und du nichts mehr siehst – Tom würde ausflippen. Wahrscheinlich sogar einen Stuhl nach dir werfen. Wirklich amüsant, wie sehr du dich selbst mit der Vorstellung amüsieren kannst, wie ein wutentbrannter Tom mit einem Stuhl auf deinen blumengeschmückten Sarg losgeht. Dumm nur, dass du dich nicht entscheiden kannst, ob du lieber einen hölzernen oder einen gläsernen Sarg möchtest. Glas hätte mit Sicherheit mehr Stil – fünfzehn Minuten, aber du bist dir nicht sicher, ob du deine ganze Beerdigung lang von einer Trauergemeinde voll zutiefst betrübter Heuchler angestarrt werden willst. Andrerseits: hundekackehellbraune Eiche geht gar nicht. Wenn, dann schon Mahagoni. Oder Rosenholz? Kann man aus Rosenholz überhaupt Särge schreinern? Und überhaupt, warum nicht gleich italienischer Marmor. Könnte allerdings ein bisschen schwer werden. Und gegen massiven Stein hätte Tom mit einem lappischen Stuhl keine Chance.

Vierzehn Minuten. Der Radiomoderator sagt den nächsten Titel an und schmalzt dabei seine Kollegin auf die Art und Weise voll, bei der du dich jedes Mal fragst, ob Radiomenschen extra Schmerzensgeld vom Sender für diese Zuneigungsprostitution bekommen, oder ob Radiomenschen von Haus aus eine inzestuöse Randgruppe darstellen, innerhalb welcher sich das Potential des Flachwitz-Gens mit jeder Generation vervierfacht.

„Ach, danke, Martin“, haucht die Kollegin zurück, frei übersetzbar mit „ Fick dich, du Arschloch“. Was dich automatisch an Hayden denken lässt, ob du willst oder nicht. Der süße Hayden mit den faszinierend grünen Augen, der dir so oft seine Liebe versichert hat, dass du ihm am Ende am liebsten vor die Füße gekotzt hättest. Nachdem ihr zum ersten Mal im Bett gelandet wart, hat er noch herumgedruckst. Dass er nicht wüsste, wie er das sagen solle, aber…
Du hast ihn unterbrochen und gemeint, du würdest dir sicher nichts auf eine Nummer einbilden. Er war erleichtert gewesen. Eine Woche später hatte er dich vermisst. Kuscheln wollen. Knuddeln. Knuddeln! Ein ausgewachsener Mann mit Hochschulabschluss und verantwortungsvoller Managerposition hatte dir Nachrichten mit Smileys und Lieb-hab-Bekundungen geschickt und dabei ernsthaft erwartet, du würdest begeistert kieksen und dich verknallen. Du hattest dich lang und ausgiebig bei Tom über diesen Affront beschwert und Tom hatte gebrummt und geschluckt – er war gerade mit einem Stück Pizza beschäftigt gewesen – und hatte gefragt, was du denn wolltest. „Ficken.“ „Hm. Ja. Mach Schluss. Oder wie auch immer.“ Und letzten Endes hast du diesen Rat auch befolgt. Nicht sofort, dazu war Hayden zu gut gewesen, aber irgendwann hatten dich die unausweichlichen Löffelchenversuche zu sehr genervt.

Zehn Minuten. Manchmal macht es dir Sorgen, dass du im beinah greisen Alter von zweiundvierzig Jahren immer noch keine Beziehung verbuchen kannst. Andere Männer deines Jahrgangs waren schon längst zwei Mal verheiratet und geschieden und feiern gerade mit ihrer mindestens zehn Jahre jüngeren Sekretärin ihre Midlifecrisis. Und du? Du hattest Onenightstands und Affären in jeder Form und Farbe. Du bist mehr als einmal „der Andere“ gewesen und du hast dich in Kitschüberladene Phantasien mit Männern verstiegen, denen du tatsächlich nicht einmal die Hand geschüttelt hast. Du bist derjenige gewesen, der zwei- und dreigleisig gefahren ist, und Liebesgeständnissen ist in der Regel „Ich glaube, wir sollten uns erst mal nicht mehr sehen“ gefolgt. Von deiner Seite. Nur ein einziges Mal hat jemand dich verlassen und du bist außer dir gewesen vor Wut.

Neun Minuten. Irgendwie regt dich diese ganze beziehungslose Beziehungskiste so sehr auf, dass du beinahe deine Vorfreude auf Tom vergisst. Tom müsste jemand anders als dein Bruder sein und alles wäre gut. Ihr würdet euch durch irgendeinen dummen Zufall in einem Coffeeshop getroffen oder vielleicht schon in der ersten Klasse nebeneinander gesessen haben und du wärest jetzt auf den Weg zu deinem Ehemann, der dich küssen und ins Schlafzimmer zerren würde, sobald du angekommen wärest. Vielleicht würdet ihr es nicht einmal die Treppe hoch schaffen. Acht Minuten. Du hättest Sex mit jemandem, den du liebst. Angeblich soll das ja ganz toll sein.

„Und auf geht’s in den Feierabend mit einem ganz besonderen Song, den der Christian sich für seine Mausi gewünscht hat“, grient der Moderator und du stellst dir die Mausi als junge, aber biedere Hausfrau vor, die zu Hause gerade am Bügelbrett steht und vor Entzücken beinahe ein Loch in Christians Bürohemd brennt. Zum Kotzen. Du schaltest um, landest erst bei Klassikradio, dann in der Schlagerhölle und am Ende doch wieder bei Mausi und dem besonderen Titel.

Acht Minuten. Irritiert schielst du auf das Display und darfst feststellen, dass du inzwischen nur noch ein paar km/h über der erlaubten Geschwindigkeit liegst, wodurch das Navi deine Ankunftszeit nach hinten verschoben hat. Mit einem genervten Schnauben schaltest du das Radio ganz aus und drückst aufs Gaspedal.

Als die Anzeige auf sieben Minuten umspringt, entspannst du dich wieder ein wenig. Tom wartet sicher schon. Er wird die Hunde ganz nervös machen und ihnen im schönsten Babyakzent erklären, dass gleich der Papa kommt. Und wenn er in sechs Minuten klingelt, wird Tom die Treppe nicht hinunter kommen, weil ihn die Hunde vor lauter Aufregung über den Haufen rennen und laut bellend an der Haustür hochspringen. Und wenn er endlich doch die Tür aufmacht, werden die Hunde dich über den Haufen rennen und irgendwann nach fünf Minuten wird Tom deine Überreste von der Fußmatte aufsammeln und dich umarmen und dir auf den Rücken klopfen. Ihr werdet ins Haus gehen und euch dumm angrinsen und immer gleichzeitig anfangen zu sprechen. Aber das macht nichts, die Hunde werden für jede Unterhaltung sowieso zu laut sein.

Vier Minuten. „Wie geht’s Hayden?“, wird Tom fragen und du wirst zu ihm an die Arbeitsfläche kommen, wo er Kaffee kocht, und deine Hüfte gegen seine schubsen. Tom wird wissend brummen und ihr werdet Kaffe trinken und mit den Hunden spazieren gehen. Ihr werdet euch all die Neuigkeiten erzählen, die ihr schon auswendig kennt, und wenn ihr zurück seid, wirst du eure Mutter anrufen und ihr sagen, dass du gut nach Hause gekommen bist.

Drei Minuten. Ihr werdet kochen und zum Essen Bier aus der Flasche trinken. Später wird es Chips und mehr Bier geben und je einen Hund statt einer Sofadecke und ihr werdet euch solange unterhalten, bis du vor Müdigkeit kaum noch sprechen kannst. Du wirst dich an Toms Schulter lehnen und er wird grinsen. Er wird dir zuraunen, dass du dringend ins Bett gehörst und sich nach langem schläfrigem Protestgemurmel deinerseits aus seiner Kissenposition befreien, aufstehen und dich in seine Arme ziehen.

Zwei Minuten. Du wirst am liebsten stehend und an seine Brust gelehnt einschlafen wollen. Sie ist so warm und trotz der Muskeln irgendwie weich und hebt und senkt sich im gleichen Takt wie deine. Tom wird so tun, als würde er ernsthaft erwägen, dich ins Schlafzimmer zu tragen, und dich damit zum Lachen bringen. Auf dem Weg nach oben wirst du nur zur Häflte selber gehen. Du wirst „Danke, Schatz“ flüstern und er wird „Aber immer doch, Mausi“ sagen.

Eine Minute. Er wird dich noch zu deiner Zimmertür bringen und dir Gute Nacht sagen wie man es mit kleinen Kindern macht. Dann werdet ihr schlafen gehen, du in deinem Bett und er in seinem.
Tags: [genre] slash, [rating] p12
Subscribe
  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments