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Tokio B.G.s feat Bushido - Die Blümelein, sie schlafen [TripleX-Remix] - P18 - BillxTomxBushido - OS

Titel: Tokio B.G.s feat. Bushido - Die Blümelein, sie schlafen [TripleX-Remix]
Autor: unverdorben
Rating: P18
Warnungen/Genre: Kopfkino. Und dann ist da noch ein Smart.
Zusammenfassung: Eigentlich wollte Bushido nur ins Grüne fahren, aber natürlich muss es regnen und natürlich wird er nass - allerdings nicht vom Regen.
Disclaimer: Die Herren K und der King gehören sich selbst.
Kommentar: für alraune315, bexdebexund dreamhunter<3

Als Bushido am Telefon erklärt hatte, er werde ihn mit einem etwas unauffälligeren Wagen abholen, hatte Bill an einen kleinen Mercedes gedacht. Oder einen Audi. Vielleicht einen VW. Er hatte an klassisch silbergrauen Lack gedacht, konservatives Tannengrün oder eine fehlende Autowäsche. Eventuell sogar alles zusammen und an einem Opel, aber er hatte nicht und auf gar keinen Fall an das Auto gedacht, mit dem Bushido tatsächlich antanzte. Es anzutanzen wagte, besser gesagt.

„Hast du gelitten?!“, schnauzte er, kaum, dass er die Beifahrertür aufgerissen und sein Samstagabend-Date böse angeglitzert hatte.

Bushido grinste breit. „Hey, Kleines.“

„Das ist ne verdammte Behindertenkarre!“

„Na, wir wollen doch nicht politisch inkorrekt werden. Es heißt immer noch „Frauen“, Kleines, und jetzt steig ein. Wir haben viel vor.“

Bill schnaubte entgeistert. In jedes Auto wäre er eingestiegen, in jeden Kleinbus, jeden Peugot und sogar in einen 3er BMW, aber nicht in das hier. Nicht in einen Smart. Einen gottverdammten schwarzweißen Smart im Schuhschachtelformat und mit so viel Beinfreiheit wie ein Paar Fußfesseln. Bushido hatte nicht nur ein Rad ab, ihm fehlten bereits sämtliche Achsen.

„Das´n Witz.“

„Kleines, hier.“ Bushido klopfte auf den Beifahrersitz.

„Das meinst du nicht ernst.“

„Es zieht, Kleines.“

„Du verarscht mich, ne?“

„Dein Nachbar hat den perfekten Ausblick auf deinen Allerwertesten, wenn du ihn so in die Luft streckst.“

Bill japste, fuhr hoch und schlug sich prompt den Kopf am Autodach an. Wie er kleine Autos hasste. Und Smarts waren nicht nur klein, sondern außerdem die ultimative Ausgeburt der Hölle, seit Frauen fahren durften und die Welt mit ihren Einparkkünsten belästigten.

„Tut’s weh?“, erkundigte Bushido sich besorgt.

„Fick dich, okay?“, knurrte Bill, faltete sich umständlich neben ihn und zog die Tür zu. Er fühlte sich augenblicklich wie eine Sardine in der Dose und unter seinem Haaransatz konnte er eine walnussgroße Beule wachsen spüren. Wunderbar. Frauen und Einparken – das hatte man also davon.

Bushido ließ den Motor an und legte den ersten Gang ein. „Hallo, übrigens. Und schön dich wieder zu sehen“, sagte er, beugte sich zu Bill und küsste ihn flüchtig auf die Wange.

„Tu nicht so schwul“ kam es zusammen mit einer abwehrenden Handbewegung zurück.

„Du brichst mir das Herz, Kleines.“

„Ich bin erstens nicht klein und zweitens keine Sache.“

„Süßer?“

„Fahr einfach los, bevor ich’s mir noch mal überlege und wieder zu Tom hoch gehe, ja?“, säuselte Bill in einem alles andre als süßen Tonfall. „Tom würde mich nie in so ein Teil quetschen“, fügte er vorwurfsvoll hinzu.

„Warte, wie war das doch gleich mit Kerlen und dicken Karren…?“, schmunzelte Bushido nur und bog gerade rechtzeitig in den Verkehr ein, bevor Bill die Flucht ergreifen konnte. „Bleib sitzen und schnall dich an, Kleines.“

Bill fluchte durch zusammengebissene Zähne, gehorchte aber. Er fluchte ein zweites Mal, als er feststellen musste, dass es bei seiner Größe unmöglich war, tiefer in den Sitz zu rutschen und Bushdio so zu zeigen, wie angepisst er wirklich war. Nicht mal die Arme konnte er anständig verschränken ohne einen spontanen Anfall von Platzangst zu bekommen. Wer auch immer die Idee für ein Frauenauto gehabt hatte, er gehörte geteert, mit Klamotten gefedert und im Sommerschlussverkauf auf den Grabbeltisch gebunden.

„Wo fahren wir überhaupt hin?“, murrte Bill, nachdem sie sich zehn Minuten lang amüsiert beziehungsweise bitterböse angeschwiegen hatten.

„Überraschung.“

„Ich hasse Überraschungen.“

„Ich weiß, Kleines. Echt nicht dein Tag heute, hm?“

Bill fluchte zum dritten Mal. Laut. Wenn er gleich wieder ausgestiegen wäre, könnte er jetzt mit Tom auf ihrer großen, gemütlichen und vor allem nicht speziell für Frauen designten Couch sitzen, sich mit Gummibärchen und Chips voll stopfen und einen Film schauen. Wenn er erst gar nicht eingestiegen wäre – oder noch besser: wenn er gleich wieder kehrt gemacht hätte, sobald ihm dieses Ei auf Rädern unter die Augen gekommen war, hätte er jetzt außerdem keine Kopfschmerzen, sondern bekäme allenfalls eine Rückenmassage. Dabei sollte einem doch eigentlich der große Bruder das Leben schwer machen und das Date einen verwöhnen, oder hatte er da irgendwas verpasst?

„Hast du wenigstens Musik da?“, grummelte er, als es unerträglich still wurde.

Bushido nickt zum Handschuhfach und Bill öffnete es mit zusammengekniffenen Augen. Er betete, dass er etwas anderes als die übliche Auswahl darin finden würde, aber nein, heute war definitiv nicht sein Tag.

„Die da“, murrte er und schob das Rammstein-Album in Bushidos Schoß, während er Eminem und zwei von Bushidos eigenen CDs wieder wegschloss. Er mochte nichts davon, aber Rammstein war immer noch besser als Eminem und auf jeden Fall besser, als sich von Bushido um die Ohren hauen zu lassen, wie er gewisse nicht näher spezifizierte Schwuchteln zu ficken gedachte.

„Wir sind gleich da“, versuchte Bushido ihn aufzumuntern, aber Bill lehnte mit Grabesmiene den Kopf gegen die Scheibe und tat so, als hätte er nichts gehört. Was für eine Überraschung auch immer das werden sollte, sie musste verdammt gut sein, damit er Bushido je wieder mehr als die Hand schütteln würde.

 

 

.:$$$:.

 

 

Sie war verdammt gut. Sie war sogar so verdammt gut, dass Bill Bushido erst ein paar Sekunden lang mauloffen anstarrte, bevor er die Sprache wieder fand.  „Das´n Witz“, krächzte er.

Bushido lächelte milde. „Du wiederholst dich, Kleines.“

„Du hast mich nicht wirklich hier raus geschleift, um dir mit mir den Sonnenuntergang anzusehen.“

„Doch.“

„Nein.“

„Doch.“

„Du bist ein Kerl.“

„Und?“

„Du hast eine Freundin. Warum machst du das nicht mit der?“

Bushido schnalzte tadelnd mit der Zunge. „Ruinier mal nicht die Atmosphäre, Kleines. Ich wollte romantisch sein.“

„Wenn du „romantisch“ sagst, klingt das irgendwie dreckig.“

„Damit solltest du ja kein Problem haben“, grinste Bushido und beeilte sich auszusteigen. Er ging um das Auto herum, holte eine Decke aus dem Kofferraum und marschierte damit auf die Wiese, an die der Parkplatz angrenzte. Gerade als er das perfekte Plätzchen gefunden hatte, um die Decke auszubreiten, hörte er die Autotür zuschlagen und Bills Stiefel auf dem Kies knirschen.  

„Hast du eigentlich was geraucht oder so?“, rief Bill ihm zu und blieb exakt vor den ersten Grasbüscheln stehen. „Hier sind doch überall Mücken und Käfer und Würmer und Mücken und… hey, du weißt ganz genau, dass ich allergisch bin!“

Bushido zog seelenruhig eine Dose Insektenspray aus der zusammengerollten Decke und wedelte damit in Bills Richtung. „Hab an alles gedacht, Kleines. Musst dich nur hinsetzen und die Sterne genießen.“

„Ich setz mich nicht in den Dreck“, motzte Bill und verschränkte die Arme vor der Brust. Das Gras war beinahe kniehoch und überall wuchsen Löwenzahn und diese fettig gelben Blumen, die absolut unkaputtbare Flecke auf den Kleidern machten. Bushido konnte nicht ernsthaft glauben, er würde sich seine neue Jeans freiwillig mit diversen Pflanzensäften versauen lassen, nur um anschließend von einer Horde mordlustiger Mücken gefressen zu werden.

„Du sollst dich auch gar nicht in den Dreck setzen, sondern auf eine schöne, weiche Decke“, antwortete Bushido. „Oder meinen Schoß, wenn du unbedingt willst.“

„Ich setz mich nirgendwo hin!“

„Gut, dann bleib da stehen“, seufzte Bushido und machte es sich auf der Decke bequem. Manchmal konnte es wirklich anstrengend sein, sich mit Bills Liebe zur Natur abgeben zu müssen. Oder mit Bill selbst. Manchmal konnte Bill wirklich ein launisches, selbstverliebtes, arrogantes Arschloch sein, aber andrerseits war es genau das, was Bushido an ihm mochte. Vor allem letzteres.

Bill blieb also stehen, die Hüfte eingeknickt und so schmolllippig, als er posiere für ein wohltätiges Shooting zur Vernichtung aller norddeutschen Halbkulturformationen.
Ab und zu gab er ein unwilliges Fiepen von sich, aber Bushido beachtete ihn nicht. Er lag lang ausgestreckt auf dem Rücken, hatte den Kopf auf die Arme gebettet und fand, dass Bills Gejammer sich eigentlich ganz harmonisch in das gelegentliche Grillenzirpen einfügte.
Die beste Strategie, Bill beizukommen, bestand ganz einfach darin, ihn am langen Arm verhungern zu lassen. Er wurde in der Regel nämlich eher früher als später hungrig, gelangweilt, geil oder verfroren und dann fand er in der Regel schnell einen Weg nachzugeben ohne dass es so aussah, als gäbe er nach. Indem er beispielsweise von einer ganz fiesen Killerschnake angegriffen wurde, sich das Insektenspray schnappte, am Verschluss herumfummelte und schließlich von Bushido verlangte ihn einzunebeln, weil Seine Majestät es unmöglich riskieren konnte, sich einen seiner kostbaren Fingernagel wegen so etwas Ordinärem wie einer Dosenkappe einzureißen.

Bushido kam seinem Befehl natürlich untertänigst grinsend nach und biss sich fest auf die Zunge, um nicht so etwas Dummes wie „Sind wir jetzt glücklich?“ oder „Na siehst du, Kleines“ von sich zu geben. Stattdessen setzte er sein undurchschaubarstes Pokerface auf und wartete geduldig, während Bill auf der Decke herumkroch wie eine Katze, die sich dreimal im Kreis dreht, bevor sie sich zusammenrollt. Als Bills Kopf schließlich ausgerechnet auf seiner Schulter zu liegen kam, verkniff er sich wieder jeden Kommentar, zog ihn nur näher an sich und blinzelte in den tiefroten Himmel.
Es hatte tatsächlich etwas Romantisches. Die schwarzen Bäume ringsum, das Gezwitscher der letzten Vögel, Bills Hand, die sanft seinen Schritt massierte…

„Du sollst die Sonne anschaun“, raunte er, als eine Zunge verstohlen über seinen Hals tanzte. Bill verstärkte lediglich den Druck auf seine Mitte.

„Die Wolken sehen aus, als würden sie brennen.“ Schnauben, ein unwirscher Biss direkt unters Kinn und sofort Kuss um Kuss darüber.

„Der ganze Himmel steht in Flammen.“

„Du laberst Scheiße“, grinste Bill gegen sein Schlüsselbein und strich mit den Fingerspitzen unter Bushidos Hosenbund.

„Hier? Im Dreck?“, grinste Bushido amüsiert zwinkernd zurück und bereute es sofort, als Bill ihn in die Seite boxte. Manchmal vergaß Bill einfach, dass er doch kein Mädchen war und hinter seinen Fäusten sehr viel mehr Kraft steckte als hinter denen einer Ische.

„Dann halt nicht“, schnaubte Bill und rutschte so weit von ihm herunter, wie die Decke es erlaubte. Er hatte nach wie vor keine Lust, mit dem heimtückischem Gras in Berührung zu kommen.

„Eigentlich“, lächelte Bushido und verschränkte die Arme wieder im Nacken, „wollte ich auch nicht ficken, sondern einfach nur hier liegen.“

„Und?“, hakte Bill beleidigt nach.

„Nichts und.“

„Jaja, ist klar.“

„Ich bin eben kein dauergeiler Teenie mit übersprudelnden Hormonen mehr“, entschuldigte Bushido sich salbungsvoll und spannte vorsorglich die Bauchmuskeln an, aber die erwartete Retourkutsche blieb aus. Stattdessen katapultierte Bill plötzlich in die Senkrechte und stiefelte mit hochgezogenen Schultern zurück zum Auto. Bushido unterdrückte ein Stöhnen. „Ey Kleines, so war das nicht gemeint!“, rief er und setzte sich gerade rechtzeitig genug auf, um zu sehen wie Bill ihm über die Schulter den Mittelfinger zeigte, die Autotür so gewaltsam öffnete, als wolle er dem Smart einen Arm auskugeln und sie beinahe noch brutaler hinter sich zuknallte. Bushido zuckte unwillkürlich zusammen. Hätte der Kleine das mit seiner S-Klasse gewagt, wäre er auf der Stelle mausetot gewesen. Und er hatte den unbestimmten Verdacht, dass Bill das nur zu genau bewusst war.

„Weiber“, schüttelte er den Kopf und legte sich wieder hin. Da suchte man mühevoll eine malerische Blumenwiese aus, organisierte die flauschigste Decke, die man bekommen konnte, passte den perfekten Zeitpunkt für den farbenprächtigsten Sonnenuntergang ab und wie wurde es einem gedankt? Mit Regen!

Bushido rümpfte irritiert die Nase und berührte die Nässe mit dem Zeigefinger. Ein zweiter Tropfen traf ihn wie zur Bestätigung auf der Brust, der nächste am linken Ohr. Kein Zweifel, die Wolken, die eben noch am Horizont und jetzt genau über ihm waren, brannten nicht etwa, sondern hatten eine hinterlistige Löschaktion auf jegliche Romantik unter freiem Sternenhimmel vor. Fluchend rappelte Bushido sich auf, raffte die Decke zusammen und schaffte es gerade noch zum Smart, bevor eine wahre Sintflut niederging.

„Toll“, bemerkte Bill trocken vom Beifahrersitz und sah starr auf die Windschutzscheibe, durch die man nur noch einen welligen tiefroten Fleck erkennen konnte. Bushido verspürte das unbedingte Bedürfnis, ihm eine reinzuhaun, aber halt, nein, es war ja Bill, der würde nur anfangen zu heulen. Und wenn es eines gab, das Bushido so richtig abtörnte, dann waren es heulende Weiber. Vor allem, wenn er mit ihnen in einem Smart gefangen war. Vor allem, wenn er, nachdem die Romantik unwiederbringlich den Bach hinunter gegangen war, vielleicht doch ganz banal vögeln wollte.

„Sorry“, raunte er, beugte sich über den Steuerknüppel und rieb seine Bartstoppel an Bills babyweicher Wange. Bill wich ihm knurrend aus, aber nur kurz, nur um klarzustellen, dass er eigentlich immer noch sauer war, und Bushido flüsterte ein Sorry in sein Ohr, als er es mit der Zunge nachzog, ein Sorry, als er ins Läppchen biss, es zwischen die Zähne nahm und seine Zungenspitze schnell über den leichten Flaum gleiten ließ.
Bills Knurren rutschte tiefer in seine Kehle und er lehnte sich weiter von Bushido weg, aber der Smart war zu klein, als dass er sich ihm auf diese Weise hätte entziehen können.

„Es tut mir Leid“, gurrte Bushido und schnappte nach dem, was ihm genommen worden war. Bill gab ein Würgen von sich und Bushido lachte lautlos, wiederholte seine Entschuldigung so siruptriefend wie nur irgendwie möglich und erstickte sein Gesäusel anschließend mit hauchzarten Küssen auf Bills Mundwinkel. Es dauerte eine Weile, aber schließlich drehte Bill den Kopf,  nein, fuhr herum wie ein Raubtier, das nur auf den richtigen Augenblick gelauert hatte, und küsste ihn hart und fordernd. „Sorry“, lachte Bushido, soweit er konnte, und ließ sich bereitwillig beißen.

„Halt endlich die Klappe“, knurrte Bill in seinen Mund, bevor er sich genauso plötzlich zurückzog wie er in die Offensive gegangen war, die Arme vor der Brust verschränkte und sich gegen das Fenster drückte.

Bushido verdrehte seufzend die Augen, lehnte sich in seinen Sitz zurück und zeigte in Gedanken jedem einzelnen Tropfen, der gegen die Scheiben klatschte, den nackten Mittelfinger. So viel zu Gentlemanbehaviour. Nächstes Mal würde er Bill einfach wieder mit seinem Benz in ein Hotel kutschieren und ihn ohne irgendwelche Verrenkungen ganz klassisch auf dem Bett ficken. Vielleicht auch in der Dusche, wenn die erste Runde im Bett unfallfrei verlaufen war. Aber so ein Theater wie heute hatte er definitiv das letzte Mal  abgezogen. Außer zu einem eingeschlafenen rechten Bein hatte es zu absolut nichts geführt und Bill jetzt weich zu klopfen war außerdem vollkommen sinnlos. Bill brauchte Zeit, um sich auszuspinnen.
Und Bill ließ sich Zeit. Viel Zeit. Bill ließ sich so viel Zeit, dass Bushido schon zu hoffen begann, es würde in der Zwischenzeit aufhören zu regnen und er könnte die Decke auf der Autofront drapieren und Bill auf der Decke. Gleichzeitig beschlich ihn das dumme Gefühl, dass die Sekunden weder für Bill noch für das Wetter so langsam krochen wie für ihn. Er stöhnte frustriert. Warum tat er sich diese Kindereien eigentlich immer wieder an?

Bill schnaubte und Bushido biss sich auf die Zunge. Das hatte er doch wohl hoffentlich nicht laut gesagt. „Sorry“, räusperte er sich vorsichtshalber, aber Bill wand sich nur in seinem Sitz und ließ ein genervtes Grollen in seiner Kehle rollen: „Ich will vögeln.“

Bushido straffte augenblicklich seine Schultern und drehte den Schlüssel im Zündschloss, aber Bill würgte den Motor mit einem patzigen „Jetzt!“ sofort wieder ab.

„Wo denn?“, fragte Bushido. Er musste sich langsam Mühe geben, seinem Ärger nicht zu viel Luft zu lassen. Wenn Bill eine Breitseite abbekam, wurde er zur unausstehlichen Furie.

„Woher soll ich das wissen?“, pampte Bill und versuchte auf ein Neues, sich mehr Beinfreiheit zu verschaffen, aber er konnte seine Knie weder durchstrecken noch seine Schenkel öffnen, egal, wie verzweifelt er auch hin- und herrutschte.

„Es tut mir Leid, okay“, antwortete Bushido scharf. Bill erstarrte, atmete ein paar Mal tief ein und aus und sah ihn dann mit dem Blick an, der bei Bushido alle Alarmglocken schrillen ließ. Er merkte, wie er mechanisch den Kopf schüttelte,  und beobachtete mit wachsendem  Grauen, wie Bill die Unterlippe vorschob und seine Augen herausfordernd glitzern ließ. Entweder war der Smart geschrumpft oder er erlitt gerade einen Anfall spontaner Klaustrophobie.

„Wenn du jetzt ernsthaft heulst, liefere ich auf der Stelle bei deinem Bruder ab und dann kannst du entweder wichsen oder dir einen andern Idioten suchen“, versuchte er das Schlimmste zu verhindern und klang dabei nicht halb so drohend, wie er es beabsichtigt hatte. Nicht, dass er Bill schon einmal weinen gesehen hätte, aber er besaß definitiv den entsprechenden Charakter, um ihn mit dieser miesen Masche mental auszupeitschen.

Bill zischte empört. „Heulen. Wegen dir. Träum weiter, Arschloch.“

Bushidos Miene verzog sich für einen Moment zu einem erleichterten Lächeln, bis er sich wieder fing und daran erinnerte, dass hier gerade ein Streit am Laufen war und keine rührige Versöhnungsszene.

„Was willst du dann von mir, hm?“

Bill schwieg und schmollte.

„Ey, du musst schon mit mir reden, Kleines.“

„Mach den Regen weg“, nuschelte der Kleine in einem Tonfall, der bei jeden Mädchen wahnsinnig süß gewesen wäre, bei einem beinahe zwei Meter großen Mann in Rockeraufmachung aber eher unfreiwillig komisch  wirkte.

Bushido zog die Augenbrauen hoch und Bill wich seinem Blick aus und sackte in sich zusammen. „Fahr woanders hin“, setzte er resigniert hinzu. „Ich hab keine Ahnung.“

„Sorry“, sagte Bushido zum gefühlten fünfzigsten Mal, widerstand dem Drang, seine Hand auf Bills Oberschenkel zu legen und ihn versöhnlich zu drücken, sondern startete den Motor, schaltete die Scheibenwischer auf die höchste Stufe und fuhr zurück auf die Landstraße.  Bill starrte wieder mit unleserlicher Miene ins Ungefähre und Bushido stellte sich vor, dass jeder Tropfen, der gegen die Scheiben klatschte, einen grausamen Tod sterben musste. Mit so viel Karacho gegen eine Glaswand zu knallen, das tat mehr als verdammt weh.

„Ich will heim“, seufzte Bill, als sie nach einer Viertelstunde an die erste Ampel kamen, und Bushido bemühte sich, nicht wieder sauer werden. Bill war ein neunzehnjähriges Balg mit einer schwierigen Kindheit, er konnte gar kein Gefühl dafür haben, wie unhöflich es war, so mit Bushido umzuspringen, nachdem er sich so viel Mühe für ihn gemacht hatte.

„Klar“, presste Bushido zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und das war das einzige Wort, dass sie wechselten, bevor der Smart im nach wie vor strömenden Regen vor Bills Wohnung zum Stehen kam. Bill schnallte sich ungelenk ab und wartete ganz offensichtlich darauf, dass Bushido etwas sagte, aber der sah ihn nicht einmal an. Er räusperte sich erst verhalten, dann geräuschvoll, aber auch das half nichts. „Kommst du noch mit rauf?“, versuchte er es schließlich beinahe kleinlaut.

„Auf nen Kaffee, oder was?“, blaffte Bushido und bereute es zutiefst, als ihm im nächsten Augenblick bewusst wurde, dass das Balg ihn gerade in seine Wohnung eingeladen hatte. Bill lud ihn nie zu sich nach Hause ein. Er durfte ihn nicht einmal an der Haustür abholen, er musste immer unten im Auto warten, sofern Bill nicht sowieso selbst zum vereinbarten Treffpunkt auf neutralem Boden fuhr.

„Wenn du nicht willst, dann sag’s halt“, murrte Bill und öffnete die Tür.

„Sorry“, sagte Bushido und schlug seinen Kopf um ein Haar gegen das Lenkrad. Wann war er bitte zum Softi-Teddy mit einwortigem Soundchip geworden? „Ich mein, ich mag schon. Ich war nur eben etwas… egal. Ich würde gern. Sehr gern.“ Er lächelte Bill schief an, der ebenso schief grinsend mit den Augen rollte.

„Na dann komm“, sagte er, stieg aus dem Auto – natürlich nicht ohne dass sich seine überlange Kette am Gurt verhakte, er sie umständlich losfummeln musste und dabei so klitschnass wurde, dass ihm sein Make-up über das ganze Gesicht rann – und rannte zum Haus.

„Du siehst scheiße aus“, grinste Bushido, als sie im Aufzug standen, und Bill sich die schwarzen Striemen von den Wangen zu wischen versuchte, was die ganze Sache nur noch schlimmer machte. Bill hachte nur gespielt und wischte seine schwarzen Finger am Spiegel ab.

„Ist Tom eigentlich da?“, fragte Bushido kurz vor der Wohnungstür. Nicht, dass er Angst vor dem Wadenbeißer gehabt hätte, Gott bewahre. Aber den einen Zwilling zu ficken und so zu tun, als wäre man auf freundschaftlicher Basis mit dem anderen, war ein andres Paar Schuhe, als den einen Zwilling zu ficken und dem anderen auch noch in seinem eigenen Revier auf den Sack zu gehen. So verdreht es auch war, Bushido fühlte sich Tom in gewisser Weise verpflichtet dafür, dass er ihn und Bill ihren Spaß haben ließ.

„Woher soll ich das wissen“, zuckte Bill mit den Achseln und plärrte ein Trommelfellerschütterndes „Tom!“ in den Flur, kaum dass er aufgeschlossen hatte.

„Du mich auch hallo“, kam es gedämpft aus den Tiefen des Lofts zurück. „Na toll“, dachte Bushido nur und drängelte sich hinter Bill in den Flur, der erst geräuschvoll die Tür ins Schloss kickte und anschließend ähnlich galant seine Schuhe in die nächste Ecke pfefferte. Bushido zog gerade seine Jacke aus, als Tom im üblichen Schlabbershirt und mit einer Jogginghose im Türrahmen auftauchte, die er ganz offensichtlich aus Bills Kleiderschrank entwendet hatte. Sie war zwar nicht wirklich eng, klebte im Gegensatz zu Toms Baggys aber mehr oder weniger Leggingleich an seinen Beinen und ließ ihn zusammen mit seinen schwarzen Cornrows erschreckend weiblich und nach seinem Bruder aussehen. Normalerweise hätte Bushido das zu einer süffisanten Bemerkung hingerissen, aber die Tatsache, dass er hier gewissermaßen dem Herrn des Hauses gegenüberstand, ließ ihn vorsorglich die Klappe halten.

„Hey Mann“, nickte er Tom stattdessen zu. Tom nickte genauso knapp zurück und wandte sich seinem Zwilling zu: „Wieso siehst du so scheiße aus?“

„Kann doch auch nichts dafür, dass ich mit dir verwandt bin“, antwortete der nonchalant und stieß gegen Toms Schulter, als er sich an ihm vorbei den Flur hinunter und ins Badezimmer trollte.

Bushido hängte brav seine Jacke an die Garderobe und kam sich vor wie ein kleiner Junge unter den strengen Augen der Mutter der ersten Freundin. Tom taxierte ihn für eine kurze Weile, schien aber keine großartige Lust auf ein Freestyle Battle zwischen Tür und Angel zu haben, sondern schlurfte ebenfalls den Flur hinunter. „Hier rein“, rief er Bushido über die Schulter zu, bevor er ins Wohnzimmer abbog. „Bill braucht Stunden, bis er sich restauriert hat.“
Bushido schlenderte ihm zögerlich nach und war sich ziemlich sicher, dass er vom Regen in die Traufe gekommen war.

 

„Hau dich hin“, sagte Tom und ließ sich in die Kuhle plumpsen, in der er bis eben offensichtlich einen der Filme geschaut hatte, für die er in seinem Blog so fleißig die Werbetrommel rührte. Ob die Produzenten ihm dafür das Popcorn finanzierten?



„Hm“, bedankte sich Bushido und setzte sich auf die Couch, die schräg zum Plasmabildschirm stand.

Männliches Schweigen.

„Willste was trinken?“, fragte Tom in einem Ton, der es mehr als deutlich machte, dass er hier ausschließlich seiner Erziehung Tribut zollte.

„Was habt ihr denn da?“

„Alles.“

„Ah.“

Tom sah ihn abwartend an und Bushido fragte sich, wie zum Teufel ihm erst jetzt auffallen konnte, dass Tom nicht nur die falschen Hosen trug, sondern auch das falsche Bandana – gar keines nämlich, was ihn noch mehr nach Bill aussehen ließ als eben an der Haustür.

„Bier?“, sagte er, als Toms fragender Blick zu einem genervten Starren wurde, und beobachtete nicht so desinteressiert wie ihm lieb gewesen wäre, wie Tom seinen Hintern hochbekam und dorthin verschwand, wo offensichtlich die Küche sein musste. Und nicht wieder auftauchte. Gerade als Bushido sich zu fragen begann, ob zwischen Wohnzimmer und Küche drei Kilometer lagen oder Tom unterwegs einen Abstecher ins Bad gemacht und Make-up aufgelegt hatte, um ihn noch ein bisschen mehr aus dem Konzept zu bringen, kam Tom mit drei Flaschen und einer Schale Chips zurück.

Er trug zwar nach wie vor keinen Lidschatten, aber jetzt, wo Bushidos Sinne für solche Feinheiten geschärft waren, watschelte er bei genauerer Betrachtung auch nicht mehr so wie sonst, sondern ging, na ja, mehr wie Bill. Bushido schüttelte den Kopf und trank sein Bier in einem Zug halb leer, bevor er sich dafür bedankte. Mit einem tatsächlichen „Danke“ statt mit dem respektvollen Nicken, das unter Gangstern eigentlich angebracht war. Scheiße, wo war die Sintflut, wenn man sie brauchte?

Tom zog nur eine Augenbraue hoch – wie Bill, oh Freude, fläzte sich wieder auf die Couch und schnappte sich die Fernbedienung. „Stört dich doch nicht?“

„Ne. Was ist das denn?“, fragte Bushido zurück, gab sich einen Ruck und wechselte auf Toms Couch. Tom rückte ein wenig zur Seite, obwohl er sich in gebührendem Abstand hingesetzt hatte, und das erleichterte Bushido mehr, als es ihn hätte erleichtern sollen.

„Transformers 2“, informierte ihn Tom, drückte auf Play und sofort krachte ihnen eine Explosion um die Ohren. Bushido nahm einen Schluck Bier und lehnte sich zurück. Alkohol und sinnlose Zerstörung, das war genau das, was er jetzt brauchte.

Es dauerte tatsächlich eine halbe Ewigkeit, bis Bill wieder zum Vorschein kam. Er schnappte sich das dritte Bier vom Couchtisch, ließ sich zwischen Tom und Bushido aufs Sofa fallen und Bushido wollte ihn eben dafür aufziehen, dass er so lange gebraucht hatte, als Bill ihm das Gesicht zuwandte und ein breites „Sorry“ grinste. Scheiße.

„Was?“, fragte Bill verwirrt, als er die tiefe Furche auf Bushidos Stirn bemerkte.

„Nichts“, antwortete Bushido schnell, „ich seh dich nur so selten ungeschminkt. Sieht aber süß aus.“

Tom gab ein sarkastisches Grunzen von sich, während Bill nur noch breiter grinste, und Bushido seinen Blick tiefer wandern ließ. Was er lieber nicht getan hätte, denn Bill hatte sich offensichtlich für den gehobenen Penner-Look entschieden: einfaches, locker sitzendes Designer-T-Shirt und Trainingshosen, die verdächtig nach dem gleichen Modell wie Toms aussahen, nur in einer anderen Farbstellung; dazu Socken und ein Pferdeschwanz. Wirklich, entweder die zwei machten das mit Absicht oder der große Geist da oben hatte Lust, ihn heute mal kräftig in den Arsch zu treten.

„Krieg ich keinen Widersehenskuss?“, schmollte Bushido, um seine Verlegenheit bestmöglich zu überspielen, und hatte dabei eigentlich nur an ein unschuldiges Bussi auf die Wange gedacht, aber Bill ließ es sich nicht nehmen, ihm nach allen Regeln der Kunst die Zunge in den Hals zu stecken und dabei halb auf seinen Schoß zu klettern.

„Tom“, zischte er Bill leise zu, als der ihn nach über einer Minute gnädigerweise Atem holen ließ, aber wieder ging sein Plan nicht auf. Denn Bill lief ob dieses Hinweises nämlich nicht knallrot an und sprang peinlich berührt von seinen Beinen, sondern schmiegte sich gegen seine Bartstoppeln und flötete zu seinem Bruder: „Stört dich doch nicht?“

„Du bist ne Schlampe, Bill“, antwortete Tom, ohne seinen Blick von dem Robotergemetzel auf dem Bildschirm abzuwenden.

„Oh“, machte Bill gedehnt, streckte die Hand aus und zupfte an einem von Toms Zöpfen. „Eifersüchtig?“

„Klar“, gab Tom mit vor bitterster Ironie nur so triefender Stimme zurück.

„Oh“, machte Bill wieder, kletterte von Bushido herunter und kuschelte sich an Toms Seite. Und blieb dort. Explosion um Explosion krachte in Dolby Surround durch den Raum, Tom sah weiter starr geradeaus, Bill machte es sich an seiner Schulter bequem und Bushido kam sich so erwünscht vor wie die Mutter, die mit Saft und Keksen zu zwei aufgekratzten Teenagern ins Kinderzimmer platzt. Was ein absolut falscher Vergleich war, aber das machte die Sache auch nicht besser.

„Ich sollte dann auch mal wieder los“, räusperte er sich, als für eine Weile mal keine Maschinenteile durch die Luft flogen. Und nachdem bisher alles verkehrt gelaufen war, war es jetzt selbstverständlich auch Tom, der den Kopf drehte: „Wieso?“

„Äh…“, antwortete Bushido und beglückwünschte sich im Stillen zu seiner hammer Eloquenz. Aber echt, ey.

„Kümmer dich mal um deinen Gast“, wandte Tom sich seinem Bruder zu und versuchte, ihn von seiner Schulter zu schütteln. Bill gab nur ein unwilliges Murren von sich und blieb wo er war. Tom seufzte und zuckte entschuldigend mit seiner freien Schulter: „Is´n Arschloch.“

„Und ne Schlampe.“

Tom lachte und schnappte im nächsten Moment nach Luft. Das schlampige Arschloch hatte ihn ganz offensichtlich in den Magen geboxt.

„Macht er bei mir auch immer“, zwinkerte Bushido ihm zu. „Kritik und Bill, das ist so ne Sache.“

„Wem sagst du das“, seufzte Tom, aber seine Antwort ging in der bis dato actiongeladensten und damit lautesten Detonation unter und setzte ihrem Wortwechsel so ein Ende. Also konzentrierten sie sich wieder auf die nicht vorhandene Handlung, nippten an ihrem Bier und Bushido merkte, wie er langsam wieder entspannter wurde. Bills wohlig gekrümmter Rücken war zwar nach wie vor ein Bild, von dem er das Gefühl hatte, dass es zu privat war, als dass er es sehen dürfte, aber andrerseits hatte er Bill schon in ganz anderen, wesentlich privateren Situationen erlebt und sich dabei nicht halb so verklemmt angestellt wie jetzt. Tatsächlich deplatziert war also nur seine falsche Scheu.

Als das Bier alle war, schob Tom Bill in einem sichtlichen Kraftakt von seiner Schulter, drapierte ihn halb liegend auf dem Sofa und stopfte ein Kissen unter seinem Kopf, bevor er die leeren Flaschen einsammelte.

„Übernimm einfach, wenn er wieder was zum knuddeln braucht“, raunte er Bushido zu, als er sich dessen Flasche geben ließ, und pilgerte zum Kühlschrank.

„Bringst du diese Gummiteile mit?“, rief Bill ihm hinterher, aber Tom gab keine Antwort. Bill grummelte sichtlich genervt, drehte sich auf den Rücken und blinzelte Bushido durch halbgeschlossene Lider an. „Also entweder du bläst mir jetzt einen oder du gehst ihm nach und besorgst mir meine Gummiteile.“

„Wann hab ich dir schon mal einen geblasen, Kleines?“, grinste Bushido.

„Na dann hopp“, kam es trocken zurück. Bushido schüttelt den Kopf und stand auf.

„Wohin?“

„Den Gang runter und dann links. Und ich will Cola.“

„Verwöhnt sind wir ja gar nicht“, sagte Bushido, ließ sich den Finger zeigen und verließ das Zimmer. Bills Wegbeschreibung war tatsächlich ebenso einfach wie korrekt, so dass er die Küche auf Anhieb fand. Tom hing gerade mit dem halbem Oberkörper in einer Kühlkammer, die wohl den bescheidenen Kaulitzschen Vorstellungen von einem einfachen Kühlschrank entsprach.

„Bill will Gummiteile und Cola“, informierte er ihn pflichtbewusst.

„Und da schickt er dich“, stellte Tom fest, nach wie vor mit dem Kopf zwischen Aufschnitt und Kinder Professor Rhino.

„Sieht so aus.“

„Also es geht mich ja nichts an“, brummte Tom, tauchte mit Salami, Mayonnaise und Toastbrot im Arm wieder ganz auf und schob die Kühlschranktür mit dem Fuß zu, „aber was für einen Fickunfall habt ihr eigentlich gebaut, bevor ihr hergekommen seid?“

„Toast tut man nicht in den Kühlschrank“, antwortete Bushido perplex. Allerdings nicht wirklich wegen des Toasts, sondern mehr wegen der Tatsache, dass Tom ihn einfach so auf Sex ansprach. Natürlich waren sie beide erwachsene Männer und zumindest von sich selbst konnte er mit Sicherheit behaupten, dass er mit den Blumen und Bienen bestens vertraut war, aber es ging hier nicht um irgendeine Ische, es ging um die Schlampe mit Arschlochallüre, die im Wohnzimmer auf ihre Gummiteile wartete und ganz nebenbei Toms kleiner Bruder war. Da fragte man doch nicht ganz nebenbei beim Sandwich-Machen, wie die Nummer denn so gewesen wäre. Und ganz nebenbei gab man Brot wirklich nicht in den Kühlschrank.

„Hä?“, amüsierte sich Tom und schmierte eine ekelerregend dicke Schicht Mayonnaise auf zwei Toastscheiben. Anscheinend aß man Toast im Hause Kaulitz nicht getoastet, sondern gut gekühlt. „Lenk mal nicht ab. Bill ist nur so scheiße drauf, wenn er entweder nicht genug Kameras vor der Fresse hat und nicht genug Bewegung bekommt. Shooting hatten wir letztes Wochenende. Also?“

Bushido lehnte sich gegen den Türrahmen und starrte Tom einfach ein paar Augenblicke an. Unterschätzt. Er hatte Tom unterschätzt, die ganze Zeit. Er hatte gedacht, Tom wäre ein hysterischer großer Bruder, der ihm am liebsten eine reinhauen wollte, es Bill zuliebe aber nicht tat, und ihm deshalb mit geballten Fäusten nach Möglichkeit aus dem Weg ging. Dass Tom stattdessen in gewisser Weise erwartete, dass er es Bill gut besorgte, hätte er sich nie träumen lassen. Genau genommen konnte er es selbst jetzt nicht glauben.

„Wie kommst du darauf, dass ich Unfälle baue?“, konterte er schließlich reichlich verzögert, dafür aber mit einem anzüglichen Grinsen.

Tom stellte statt einer Antwort eine Plastikdose mit Fruchtgummi auf den Bistrotisch und widmete sich wieder der Aufgabe, sein Sandwich in einer Art Mayosuppe mit Wurst- und Broteinlage zu verwandeln.

„Du lehnst dich ja ganz schön weit aus dem Fenster, Kleiner.“

Tom stellte eine Flasche Cola neben die Gummibärchen.

„Also wenn du unbedingt die dreckigen Details willst: dein Herr Bruder war sich zu fein und das Ganze ist ins Wasser gefallen.“

Tom biss in sein Sandwich und nickte kauend. Bushido beobachtete halb angwidert, halb fasziniert wie die Mayonnaise tropfte.

„Du stehst wohl auf Dates mit der Kloschlüssel.“

Was Tom dann tat, war der Gipfel. Zumindest für Bushido. Er griff mit einer Hand nach der Mayotube, drückte einen großen Klecks auf den Teller, tunkte seinen Zeigefinger hinein und steckte ihn sich mit dem ganzen Esslöffel Mayonnaise daran in den Mund.

Game over.

Bushidos erster Impuls war es, der Aufforderung nachzukommen und Tom über den Bistrotisch zu linken. Bushidos zweiter Impuls war es, sich Cola und Gummiteile unter den Nagel zu reißen und damit zu Bill zu flüchten. Bushidos dritter Impuls war eigentlich gar kein Impuls, sondern eine Ganzkörperlähmung, die ihn wie versteinert dastehen und starren ließ, als Toms Wangen hohl wurden und sich weiße Mayonnaisereste in seinen Mundwinkel sammelten.

„Tom, du Sau“, riss ihn plötzlich Bills Stimme aus seiner Trance. Noch bevor er sich richtig nach ihm umdrehen konnte, marschierte Bill schon an ihm vorbei in die Küche, packte Tom am Arm und zog ihm den Finger aus dem Mund. „Das ist widerlich. Dir wird nur wieder schlecht.“

„Er ist ziemlich verzweifelt, weil er in letzter Zeit nichts mehr abbekommen hat“, wandte Bill sich entschuldigend an Bushido, wischte den Rest Mayonnaise von Toms Teller und leckte sich seinerseits die Finger.

„Moah, jetzt sind da deine ganzen Bakterien dran!“, echauffierte sich Tom und musterte seinen Teller wie eine besonders haarige Riesenspinne.

„Seit wann brauchst du zum Essen einen Teller?“

„Es geht hier ums Prinzip, okay?!“

„Halt den Rand, Tom.“

„Ist der zu dir auch immer so?“

Bushido brauchte einige Sekunden, bevor er registrierte, dass Tom gerade mit ihm gesprochen hatte. Und er brauchte weitere Sekunden, bevor er erst nickte, dann den Kopf schüttelte und dann wieder nickte.

„Was heißt hier immer? Nur weil du dich ständig an deiner bescheuerten Keimphobie aufgeilen musst, heißt das noch lange-“

„Bill, tu uns einfach einen Gefallen und geh dir einen runterholen“, unterbrach Tom das wütende Gezische seines Bruders.

Bill schnaubte ein letztes Mal empört, dreht sich auf den Hacken um und rauschte aus der Küche.

„Du kannst gern gehen und ihm helfen“, meinte Tom, als er Bushidos tellergroße Augen sah.
Bushido schüttelte nur den Kopf, ging zum Kühlschrank, nahm sich eine Flasche Bier und schlurfte zurück ins Wohnzimmer, nur um festzustellen, dass statt den sinnlosen Explosionen bereits der Nachspann lief. Er setzte sich dennoch auf die Couch, stürzte sein Bier hinunter und versuchte nicht zu genau darüber nachzudenken, was in den letzten fünf Minuten passiert war.

Nach einer Weile tauchte Tom ebenfalls mit einem Bier in der Hand auf, setzte sich neben ihn, trank zwei Schlucke und fragte, ob er wissen wolle, wo Bills Zimmer war.

„Hast du eben mit mir geflirtet?“, fragte Bushido zurück und war froh, dass er sein Bier zum Festhalten hatte.

Tom lehnte sich zurück und musterte Bushido aus den Augenwinkeln. „Dir ist nie gekommen, dass wir Zwillinge sind, näh?“

„Nein, echt?!“, versuchte Bushido zu witzeln, aber es gelang ihm nicht wirklich. Er war nach wie vor zu sehr damit beschäftigt zu verstehen, was das alles eigentlich bedeutete. Tom konnte anscheinend genauso anziehend auf ihn wirken wie sein Bruder, wenn er nicht gerade den hirnlosen Player mimen musste. Tom schien sich offensichtlich genauso wenig um das Geschlecht seiner Partner zu kümmern wie Bill, was man zwar nicht ahnen konnte, aber wirklich überraschend war es auch wieder nicht. Tom war außerdem ganz eindeutig interessiert, ob an ihm speziell oder an einer Nummer allgemein spielte eigentlich keine Rolle. Die Interpretationsmöglichkeiten waren also folgende:

1. Alles Zufall. Die Dinge lagen wie sie lagen und so etwas wie eben passierte nun mal. Sie waren eben doch alle nur Männer.


2. Bill und Tom hatten das Ganze feinsäuberlich geplant und er war Bills Ziererei im Auto prompt auf den Leim gegangen, wobei es
2.1 sein konnte, dass Toms Interesse echt war oder er
2.2 nach Strich und Faden von den beiden verarscht wurde

3.Er hatte tatsächlich mehr als zwei Bier getrunken und halluzinierte.

Diese Punkte führten wiederum zu mehreren möglichenVorgehensweisen:

A, Er verließ das Loft und fuhr nach Hause, wahlweise mit oder ohne Tom vorher eine reinzuhauen

B, Er fickte Tom, wahlweise in Bills An- oder Abwesenheit

C, Er blieb hier sitzen, trank sein Bier und wartete darauf, dass er aufwachte

Bushido entschied sich für D, die Million, lehnte sich seinerseits zurück und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Und sie kamen sehr zeitig, denn Tom griff ihm ohne großes Zögern in den Schritt, drückte knapp und bestimmt zu und erklärte im perfekten Businesston: „Ich blas dir einen, wenn du Bill einen bläst.“

„Du bläst mir auch nie einen“, gab Bushido trocken zurück und dachte lieber nicht zu genau nach, wie viel genau Tom darüber wusste, was er so alles mit Bill getrieben beziehungsweise nicht getrieben hatte. Dabei hätte er sich eigentlich denken können, dass es irgendwann so enden würde. Verdammt, diese beiden Irren hatten es fertig gebracht, ihn an ein Bett zu fesseln und ihn mit ihrer Peepshow halb um den Verstand zu bringen. Und er Idiot hatte nicht etwa seine verbliebenen grauen Zellen darauf verwendet, ein für alle mal einen großen Bogen um sie zu schlagen, sondern ausschließlich sein zweites Hirn ein paar Etagen tiefer sprechen lassen, als Bill ihm über ein Jahr später nicht unbedingt wortreich erklärt hatte, dass das nicht so gemeint gewesen war. Und jetzt saß er hier mit dem Bill-Verschnitt in der Cornrow-Edition, unten zu hart, um es verstecken zu können, oben zu weich, um sich noch ernsthaft zu wehren zu können, und rundum ohne Aussicht auf baldige Erleichterung, denn Tom schien seinen kindischen Erpressungsversuch tatsächlich ernst zu meinen. Bushido war zwar nicht unbedingt der nette Onkel von nebenan, aber selbst er wusste, dass Kleinkinder die härtesten Verhandlungspartner waren, die man sich vorstellen konnte: unerbittlich, emotional instabil und mit einer Mutti respektive einem Zwilling in petto, der einem den Kopf abriss, wenn man den Kleinen auch nur annähernd zum Weinen brachte. Was so viel bedeutete, wie dass Bushido ab sofort zwanzig Zentimeter kürzer durchs Leben gehen würde, denn Nachgeben war in diesem Fall eindeutig nicht drin. Er war King Bushido, er war Manns genug, um einen pinken MyPony-Hengst mit Glitzermähne und French Nail Hufen in den Arsch zu ficken und dabei trotzdem noch mehr Testosteron zu versprühen als der ganze Aggro-Laden zusammen, aber Schwänze lutschte er nicht. Auch nicht, wenn ihre Besitzer so weiblich waren, dass man eigentlich etwas anderes zwischen ihren Beinen erwarten würde.

„Vergiss es.

 

.:$$$:.



Tom zog Bill direkt vor ihn und drückte ihn so auf das Sofa, dass er aufrecht darauf kniete, die Knie jeweils links und rechts von Bushidos Oberschenkeln, sein Schritt keine Handbreit vor seinem Gesicht.

 

„Vergiss es“, wiederholte Bushido betont, aber Tom ignorierte ihn einfach und zog Bills Hose und Boxer so weit herunter, dass die Hauptsache greifbar wurde. Durch Bills Körper lief ein erwartungsvoller Schauer.

„Bist du taub, Alter“, wollte Bushido knurren, wurde aber davon abgelenkt, dass Toms Wange auf einmal seine streifte und er heftig blinzeln musste, als Toms Lippen sich genauso plötzlich um seinen Bruder schlossen. Für einen Augenblick überfiel ihn die paranoide Phantasie, im nächsten Moment werde ein übereifriger Moderator hinter dem Vorhang hervorspringen und ihm „Verstehen Sie Spaß?!“ ins Ohr brüllen. Er versuchte an Tom vorbei zum Fenster zu schielen, aber der nahm sein ganzes Blickfeld in Anspruch und fing zu allem Überfluss auch noch auf die exakt gleiche Art wie Bill leise zu schmatzen an. Und der hatte wiederum nichts besseres zu tun als sich auf die Unterlippe zu beißen, verhalten zu stöhnen und ein Hand über Toms Kopf geistern zu lassen. Und er hatte die Knuddelszene vorhin als zu privat empfunden. Resthirn ade, es war schön mit dir.

„Jungs“, krächzte Bushido, aber es half nichts. Tom leckte und knabberte und kam irgendwie immer näher, bis seine Lippen auf einmal auf Bushidos waren und irgendwo war da auch noch Bill, denn Tom war ja nach wie vor mit ihm beschäftigt, und noch während Toms „Übernimm einfach, wenn er wieder knuddeln will“ in seinem Kopf widerhallte, schob sich etwas glattsamtig Heißes in seinen Mund, den er irgendwann geöffnet haben musste, und Toms genauso heißer Atem kitzelte ihm an Ohr und etwas zog an seinem Gürtel und er dachte, dass Denken jetzt definitiv keinen Sinn mehr machte, was an sich ein vollkommen widersinniger Gedanke war, aber wen interessierte das schon. Um seine pochende Härte schloss sich endlich eine Hand, die wusste, wie man einen Mann anzufassen hatte, und über ihm wimmerte Bill unverständliche Anzüglichkeiten. Bushido verpasste seinem Stolz unbezahlten Urlaub und einen Tritt vor die Tür und schluckte Bill noch ein Stück weiter.

Die gleiche schlanke Hand, die ihn gekonnt zwischen den Beinen kraulte, fuhr rhythmisch über seinen Kopf, kratzte über seine kurzen Haare, strich mit den Fingernägeln über seine Spitze, streichelte über seine Schläfen, sein Zucken, in seinen Mund. Für einen Moment ließ er von Bill ab, wand die Zunge um dessen Daumen und spürte sein heiseres Lechzen in winzigen elektrischen Schlägen über jeden Quadratzentimeter nassgeschwitzter Haut rasen, als er zu nuckeln und saugen begann. Bills aufgepeitschtes Aroma toste in seinen Ohren und er glaubte sein Wimmern genauso so schmecken zu können wie seine zitternden Hüften, die Härte, die Bitterkeit und die zartweiche Haut, die er vorsichtig zwischen die Zähne nahm, die Textur der Stoppeln bestaunte und den Druck darunter erfühlte.

Er kam sich vor wie Blinder, der zum ersten Mal sah: tastend, obwohl er wusste, wo alles war. Überrascht, neugierig und ängstlich gleichzeitig, stürmisch und zurückhaltend. Er hielt die Augen fest geschlossen, um wenigstens einen Sinn für sich zu behalten, wenigstens nicht vollkommen mitgerissen zu werden in der Lawine, die er selbst lostrat und die mit identischer, wenn nicht noch größerer Heftigkeit auf ihn zurückrollte. Je weniger er dachte, je mehr er leckte, biss, küsste, desto stärker vibrierte Bill, desto heftiger schluckte Tom, desto lauter summte Bushido, desto öfter schnitt Bill ihm die Luft ab, desto höher schlugen die Flammen.

Als Bushido die Augen schließlich doch öffnete, öffnete er sie nicht – er riss sie auf. Weit und ohne zu blinzeln starrte er nach oben, sein Blick unfokusiert, weil jedes Detail gleichermaßen laut um Aufmerksamkeit schrie. Bill keuchte maunend über ihm, die Lippen leicht geöffnet, die Zungenspitze mal zwischen den Zähnen, mal in den Mundwinkeln, das Versprechen eines metallischen Glitzerns dazwischen, die schwarzen Augen wie Nadeln auf die Stelle gepinnt, an der er in Bushidos Mund tauchte, seinen Kopf gegen die Sofalehne drückte, zustieß, nach Atem rang, zustieß, wieder und wieder. Seine schweren Zöpfe klatschten auf seine Schultern wie die Geißeln der sündigen Mönche, salzig und schweißnass, nur das Blut fehlte.

Auch wenn Bushidos Kopf bis zum Bersten angefüllt war mit Bills Augen, Bills Atem, Bill selbst im wörtlichsten Sinn, wurde ihm im Nachinein doch zum ersten Mal bewusst, dass Bill nicht etwa deshalb gleichzeitig Medienjungfrau und feuchter Mädchentraum sein konnte, weil er besonders jungfräulich oder besonders mädchenhaft war. Bill war ein Tier. Nicht einmal edler Wilder, sondern ein triebgesteuertes, ungezähmtes Tier, klug genug, um tagsüber faul in der Sonne zu liegen, und nichts als Muskeln, Energie und Sex, wenn die Gelegenheit sich bot. Animalisch war das einzige Wort, mit dem Bills lustverzerrte Züge sich beschreiben ließen, die Art, wie er die Zähne bleckte, ohne zu blinzeln, ohne zu zögern, und schließlich die vollkommene tödliche Stille, bevor er zum entscheidenden Sprung ansetze. Seine Hitze rann über Bushidos Gesicht wie frisches Blut. 

Erst als der eiserne Griff in seinem Nacken sich lockerte, bemerkte Bushido, dass er festgehalten worden war. Zorn zuckte durch seinen ganzen Körper, aber er sprang nicht auf, sondern saß ganz still, die Lippen fest zusammengepresst, die Augen geschlossen. Er bemühte sich, nichts zu schmecken, als es seinen Mund berührte, nichts zu fühlen, als es von seinem Kinn troff. Zäher Schleim, widerlich warm und klebrig. Seine Fäusten bebten vor Verlangen sich in Kieferknochen zu bohren, Nasenbeine zu brechen und Türen einzuschlagen. Er wollte den wahrscheinlich mehr als selbstzufriedene Ausdruck aus Bills Visage prügeln, Toms gehässiges Grinsen neu formatieren, aber vor allem wollte er sich selbst eine verpassen für seine unfassbare Dummheit, einfach sitzen zu bleiben, seine Schwäche, sich jeden Funken Selbstachtung aussaugen zu lassen, und zu guter Letzt vor Scham darüber, was für ein Bild er jetzt abgeben musste. Er wusste nicht einmal, ob es schlimmer war, dass so ein weiblicher oder so ein männlicher Mann wie Bill ihm das Gesicht genommen hatte. Tatsache war, dass er buchstäblich in seiner eigenen Erniedrigung schwamm.

Tatsache war, dass etwas Nasses über sein Gesicht fuhr. Er knurrte, wütend und unvorsichtig, so dass es durch seine nicht mehr ganz so fest zusammengepressten Lippen siechte und ihn würgen ließ. Er wand sich, spuckte und hätte sicher auf den Teppich gekotzt, wenn das Nasse nicht plötzlich wieder da gewesen wäre, in seinem Mund diesmal, kühl und mit dem vertrautem Geschmack von Bier. Bushido küsste nicht zurück, als Tom Bills Hinterlassenschaften erst von seiner Zunge leckte, dann von Wangen, Kinn und Schläfen und zuletzt von seinen flirrenden Augenlidern. Bushido küsste erst zurück, als die letzte verräterische Spur verschwunden war, und er küsste Tom mit solcher Hingabe als wolle er Bills Welt zum Einsturz bringen. Tom überließ ihm mit der Selbstverständlichkeit die Führung, die man nur bei Männern findet, die ganz genau wissen, dass sie genauso zum Anführer taugen. Er stöhnte genießerisch in seinen Mund, als Bushido eine Handvoll Cornrows um seine Finger wand und Toms Kopf langsam zur Seite zog, seine Lippen immer auf Toms Haut, seine Augen immer auf Toms Bruder. 

Bill hatte sich auf die zweite Couch verzogen, ein Bein angezogen, das andere lang ausgestreckt, seine Männlichkeit weich und verbraucht zwischen den nassen Schenkeln. Er räkelte seinen nackten Bauch unter Bushidos lidlosem Blick und ließ das angezogene Bein schließlich abrupt zur Seite kippen.

Bushido verstand die Provokation nur zu deutlich. Er verbiss sich in Toms Schultern, ließ dessen protestierendes Quäken kaum seine Ohren streifen und legte seine Hände bestimmt auf den Hintern auf seinem Schoß. Bill tat ihm nicht einmal den Gefallen zu blinzeln. Mit einem lautlosen Grollen in der Kehle zog Bushido Tom ruckartig an sich, so dass ihre Schultern schmerzhaft miteinander kollidierten und Toms Kopf auf Bushidos von Bill abgewandter Schulter zu liegen kam. Toms Hintern hatte er mit der gleichen Bewegung auf seine Knie gerückt, gerade so weit nach vorn, dass Tom nicht herunterruschte. Er hakte seine Finger unter den Bund der Trainingshose und zog sie nach unten. Tom rührte sich nicht, wehrte sich weder, noch, dass er half. Er drückte lediglich seine heiße Wange gegen die kühle Sofalehne und wartete ab. Und das nicht besonders lang.

Als Bushidos Blick für einen Moment über Toms Rücken zu seinen tastenden Händen wanderte, riss Bill ihm seine Beute mit der gleichen heftigen Präzision aus den Armen wie Tarzan, der an der Liane vorbeischwang, und verschwand mit ihr vielleicht nicht ganz so geräuschlos wie der Dschungelkönig aus dem Urwald beziehungsweise dem Wohnzimmer. Und die ganze Affenbande lachte Bushido aus.

Er vergrub den Kopf in den Händen und atmete tief ein und aus. Und ein. Und aus. Und nur nicht ausflippen. Sie hatten es ja nur wieder getan. Sie hatten ihn lediglich zum zweiten Mal an den Eiern zu fassen bekommen und nach Strich und Faden vorgeführt. Sie hatten seinen Stolz mit ihren manikürten Mädchenfingern gepackt, durch den Fleischwolf gedreht und ihm die kläglichen Überreste vor die Füße geworfen wie einem Hund. Bill hatte ihm die Ohren gekrault, Tom hatte ihm das Maul wässrig gemacht und er hatte mit dem Schwanz gewedelt. Ein und aus, ganz langsam. Ein. Und Aus.

Nach einer Weile stand er auf und tigerte langsam vor der Couch auf und ab. Er könnte sie suchen. Er könnte ihnen beiden die Nase brechen oder etwas andres weiter unten. Die Frage war nur, was er finden würde, wenn er sie suchte. Schrilles Siegesgegacker? Geschwisterliebe? Mayo-Schlammcatchen? In jedem Fall würde ihm fraglos schlecht werden und er könnte genauso gut bleiben, wo er, war und im Wohnzimmer auf den Teppich kotzen.

Oder aber er ging. Einfach so. Ganz ruhig. Ein und aus und raus.

 

.:$$$:.

 

Als Bushido per SMS erklärt hatte, er werde ihn diesmal mit einem angemessenen Wagen abholen, hatte Bill an den üblichen Benz gedacht. Oder einen Escalade, sofern Bushido zu so feinen Anspielungen fähig war. Er hatte an breite Ledersitze und polierte Mahagonilenkräder gedacht, an glänzenden Lack und genug PS, um ihn auf der Autobahn tief in die Polster zu drücken.

„Ich bin dann weg“, rief er in die Wohnung, während er in seine Jacke schlüpfte, und zog die Tür gleichzeitig mit Toms abwesendem „Okay, viel Spaß“ hinter sich zu. Im Aufzug wippte er ungeduldig mit dem Bein und korrigierte sein Make-up von neunundneunzig auf einhundertzwei Prozent Perfektion. Seit ihr letztes Date leicht aus dem Ruder gelaufen war, hatte er Bushido nicht mehr gesehen. Um genau zu sein, hatte er nicht einmal mit ihm telefoniert. Umso gespannter war er darauf, wie Bushido ihm gegenübertreten würde, nachdem er sich klammheimlich aus der Wohnung geschlichen hatte, als es Bill zu bunt geworden war und er Tom einkassiert hatte. Dass Bushido sauer war, glaubte er nicht. Beleidigt vielleicht. Angetörnt – fraglich. Zeit, um sich bei Muttern auszuheulen, hatte er aber alle Mal gehabt; am wahrscheinlichsten war folglich, dass er die ganze Sache nicht einmal erwähnte.

Bill strich sich ein letztes Mal über die Haare, bevor er Aufzug und Gebäude verließ, sah sich vorfreudig grinsend nach Bushidos Auto um und erstarrte noch auf dem Fußgitter vor der Eingangstür zu einer Salzsäule: direkt hinter seinem Audi parkte ein schwarzweißer Smart.

 




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