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Traumtänzer - P6 - (Oneshot)

Titel: Traumtänzer
Autor: unverdorben
Charaktere: Bill, Tom
Rating: P6
Warnungen/Genre: Midnightproductions lässt grüßen
Zusammenfassung: Überall ist es besser als hier.
Disclaimer: Die Herren K. gehören sich selbst.
Kommentar: Geschrieben für die Sommerchallenge 09 auf 120_minuten




Fast Car - Tracy Chapman

Bill lehnt seinen Kopf gegen das kalte Glas und schließt die Augen. Draußen ist es so dunkel, dass sich das Wageninnere in den Scheiben spiegelt. Er sitzt in keinem Auto, er befindet sich in einer ledern warmen Kapsel, die durch eine haltlose Schwärze rauscht. Wenn er die Luft anhält, kann er Tom atmen hören, leise, ruhig und in perfektem Einklang mit dem Rhythmus, in dem er den Schaltknüppel bedient und das Lenkrad durch seine Hände gleiten lässt. Jedes Mal, wenn Tom umgreift, springt das Champagnergefühl in Bills Bauch hoch in seine Lungen und macht ihn hungrig weiteratmen.

Seine Beine kribbeln, als sie an einer verlassenen Kreuzung vor einer toten Ampel halten. Tom trommelt scheinbar ungeduldig auf das Lenkrad, späht mit zusammengezogenen Augenbrauen in den Rückspiegel, legt schließlich hastig den ersten Gang ein und fährt weiter.

Bill genießt jede Anhöhe, die sie erklimmen, jeden Schlängelpfad zwischen unsichtbaren Bäumen hindurch. Er vermeidet es, durch der Windschutzscheibe ins Licht der Scheinwerfer zu sehen, als er den Kopf zu seinem Bruder dreht, sich in die Kuhle zwischen Sitz und Tür drückt und ihm beim Fahren zusieht. Tom vollführt eine sorgfältig einstudierte Choreographie. Jede Bewegung geht flüssig in die nächste über, keine Ecken, keine Kanten. Alles ist weich, fast samtig, und dazu sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe hinter Toms Kopf. Wo er ist, ist Tom. Wo Tom ist, ist er.
In Gedanken hört er sich reden, wild gestikulierend einen ganzen Wortschwall erbrechen. Satz um Wort um Absatz entfliehen ihm wie Asseln, wenn man ein morsches Brett umdreht, und er belächelt stumm den hilflosen Jungen in seinem Kopf, der diesen ledern warmen Spiegelfrieden so aussichtslos zu definieren versucht.

Sie halten an und bleiben lange regungslos sitzen, bevor Tom schließlich als erster die Tür öffnet und sie in die Dunkelheit aussteigen. Der Asphalt ist noch nicht ausgekühlt, die Nachtluft warm. Um die trüben Straßenlaternen schwirren erstaunlich wenige Mücken und die Zentralverriegelung klickt trocken.
Bill dreht sich im Kreis, erkennt die Schachtelform des Supermarkts und die verkümmerten Buchsbaumhecken, die den Parkplatz von der angrenzenden Tankstelle trennen. Er weiß nicht warum, aber geschlossene Tankstellen empfindet er immer als etwas besonders Trostloses.
Tom tritt neben ihn und wieder sammeln sie sich einige tiefe Atemzüge lang. Diesmal macht Bill den ersten Schritt und sie spazieren vom Parkplatz herunter, an der Tankstelle vorbei und Richtung Hauptplatz. Sie sehen nach links und rechts, bevor sie die leeren Straßen überqueren, und passen auf, dass sie mit niemandem zusammenstoßen. Beim Marktbrunnen setzen sie sich auf die Lehne einer Bank und beobachten die schwarzen Geschäfte, die angeketteten Korbstühle vor ihrer alten Lieblingseisdiele.

Bill starrt auf das Pflaster, als sie weitergehen, versucht, nicht auf die Ritzen zu treten. Er springt, tänzelt und Tom grinst, verdreht die Augen und tut so, als er gehöre er nicht zu ihm.

Sie schlendern am Schwimmbad vorbei und flechten ihre Finger in den Maschendrahtzaun, der den Sportplatz der Schule umgibt. Tom rüttelt an dem Metallgeflecht und Bill stößt ihn mit der Schulter an. Sie lauschen auf das hohle Klirren, das sich im Zaun verläuft, rütteln, lauschen, rütteln, lauschen, Schulter an Schulter. Als sie ihren Weg fortsetzen, kicken sie einen Stein vor sich her, verlieren an der Bushaltestelle das Interesse daran, und setzen sich in das voll geschmierte Kabuff. Sie kritzeln zusammenhanglosen Unsinn unter die Handynummer von Mike und kichern zum ersten Mal hörbar.

Zurück am Hauptplatz balanciert Tom auf dem Brunnenrand und Bill hält sich so dicht wie möglich neben ihm. Nah genug, um ihm im letzten Moment zu sich herunter ziehen zu können, falls er stolpert, weit genug weg, um ihm nicht im Weg zu sein und ihn zum Stolpern zu bringen.

"Weißt du noch?", wispert er, als sie nebeneinander an der klammen Granitmauer lehnen. Tom nickt und lächelt. Das Herz hat ihnen immer bis zum Hals geklopft, als ihre nächtlichen Ausflüge noch etwas Neues gewesen waren. Einerseits, weil es beim leichten Schlaf ihrer Mutter mehr als riskant gewesen war, sich lang nach dem Zapfenstreich noch einmal anzuziehen und aus dem Haus zu schleichen. Andererseits, weil die Straßen nachts so weit und breit wie Prachtalleen gewesen waren. Und sie hatten allein ihnen gehört. Bill war den Mittelstreifen entlang stolziert, den Kopf erhoben, den Blick fest geradeaus. "Das ist der rote Teppich", hatte er verkündet.

"Weißt du noch, wie wir uns die Fotographen und die Fans hinter den Absperrungen vorgestellt haben?", flüstert Bill weiter. "Wie sie geschrieen haben?"
Tom nickt und saugt die Leere des Platzes ein wie Sauerstoff.
Tags: [genre] gen, [rating] p6
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